Kitaleiterin Anne Reichwaldt hat ihr Team und die Kinder genau im Blick

16. Juli 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Familie und Kinder

Anne Reichwaldt leitet die Kita Mauerhüpfer in Berlin. Mal ist sie Erzieherin, mal Bürokraft, mal Hausmeisterin. Sie kennt die Sorgen ihres Teams so gut wie die der Kinder. Sie freut sich, wenn ein neues Kind beginnt, mit den anderen zu spielen und zu essen. Für sie ein Zeichen von Vertrauen. Hören Sie ihre Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Anne Reichwaldts Geschichte zum Nachlesen

Also ich bin Anne Reichwaldt, ich bin Heilpädagogin, 32 Jahre alt. Ich bin seit März 2018 die Kitaleitung der Mauerhüpfer in Berlin. Ich bin einerseits auch mit Erzieherin, andererseits Facherzieherin für Integration, andererseits bin ich im Büro, manchmal bin ich auch Hausmeisterin. Wenn wir nicht genug Personal haben, dann nehmen wir alles, was da ist, und das bin ich nun auch. Wenn eine Erzieherin ausfällt, dann springe ich in die jeweilige Gruppe rein. Dadurch kenne ich alle Kinder in der Kita sehr gut. Dadurch kann ich auch sehen, was vielleicht für Mangel da sind oder was ich vielleicht auch für mein Team tun kann, wenn ich selbst mal mitarbeite in der Gruppe. Und das passiert sehr oft, dass ich auch mit dabei bin.

Wir haben auch Flüchtlingskinder bei uns aufgenommen. Wir achten dabei darauf, dass es nicht zu viele in einer Gruppe sind, dass wir auch darauf achten, dass wir nicht mehrere Kinder der gleichen Muttersprache in einer Gruppe unterbringen, weil wir sie so besser integrieren können.

Wenn ich abends nach Hause gehe, frage ich mich ganz oft, was war heute gut, was habe ich vielleicht gut gemacht oder was konnte ich Schönes miterleben. Und da gibt es immer wieder Sachen. Wenn zum Beispiel ein Kind über ne ganze Weile geschafft hat, ein Ziel zu erreichen, etwas das erste Mal an diesem Tag geschafft hat, was es schon länger versuchte. Sich alleine die Schuhe anziehen, ist ein Beispiel dafür. Also wenn ein Kind schon seit Wochen versucht, sich alleine die Klettverschlussschuhe anzuziehen und meinetwegen auch das Riemchen vom Klettverschluss durch die Schuhe zu stecken und das an dem Tag ganz allein geschafft hat, dann ist das Kind ein Stück gewachsen, und ich durfte dabei sein, ich konnte es vielleicht auch unterstützen. Das sind schöne Sachen.

Und besonders schön finde ich auch, wenn Kinder neu in die Kita kommen. Da habe ich persönlich immer ein großes Augenmerk drauf. Ich gucke dann, wie die ankommen, und wenn ich dann sehe, das sie sich integrieren, dass die Kinder anfangen, mit den anderen Kindern zu sprechen, zu spielen, vor allem, wenn da ne Sprachbarriere da ist, wenn das Kinder sind, die nicht deutschsprachig sind und die trotzdem auch ohne Sprache mit den anderen Kindern kommunizieren, hier ankommen, anfangen, hier zu essen, für Essen braucht’s Vertrauen, wenn die Kinder anfangen, hier zu schlafen, dafür braucht es auch Vertrauen. Und wenn sowas funktioniert, dann weiß ich, wir haben unsere Arbeit gut gemacht, weil die Kinder uns nicht vertrauen würden, wenn’s nicht gut wäre.

Der Beruf der Erzieherin oder des Erziehers müsste einfach vielmehr wertgeschätzt und anerkannt werden. Man müsste die Ausbildung vergüten, damit mehr Leute überhaupt  Erzieher werden und wir auch mehr Leute in die Kita bekommen, die eine gute Ausbildung genossen haben.

Also ich wünsche mir, dass nicht nur junge Menschen zusammen kommen, sondern alt und jung, oder dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammenkommen undsoweiter und man profitiert, nicht nur hier in der Kita sondern allgemein.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt