Karoly (23): "Ich schlief ein Jahr lang in einem Zelt im Park"

18. Januar 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration

Ein Unbekannter brachte Karoly in eine Obdachlosenunterkunft. Nun verkauft er die Straßenzeitung und hofft auf eine richtige Arbeit. Hören Sie seine Geschichte.

Zuhören statt verurteilen!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Karolys Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Karoly, ich bin 23 Jahre und bin obdachlos seit drei Jahren. Keine Arbeit in Rumänien, hier in Deutschland auch keine Arbeit, ich bin obdachlos seit drei Jahren. Ich krieg ein bisschen Geld, ich geb meiner Familie. Meine ganze Familie ist in Rumänien. Ich hab sieben Brüder, mein Papa ist seit zwei Jahren tot und ich hab ein Kind. Ich hab kein Geld und ich brauch Geld für eine Operation von meinem Kind in Rumänien. Ich liebe meinen Sohn, mein Sohn heißt Carlos. Das ist mein Herz, mein Kind!

Ich habe geschlafen ein Jahr im Zelt im Park, ein Jahr! Kein Zuhause, keine Möglichkeit, anderswo zu schlafen, nur im Zelt, ein Jahr! Und dann kam ein Mann, hat gesagt: Schläfst du in der Lehrter Straße! Ich hab gesagt, wo ist denn diese Lehrter Straße? Dieser Mann hat gesagt: Komm mit! Hat mich dahingebracht und dann habe ich zwei Jahre da geschlafen, Lehrter Straße und fertig. Und jetzt schlafe ich in der Domstraße, Stadtmission oder so. Ich schlafe von sechs Uhr bis morgens um sechs Uhr. Ich frühstücke da, ich schlafe mit anderen Leuten in einem Zimmer, zehn Leute, zwanzig Leute. Ich kann duschen da, meine Hose, meine Klamotten waschen, und dann komme raus und dann mit Zeitung arbeiten.

Manche Leute geben Geld, manche sagen "Nein" oder "Geh weg" - und manche sind komisch, manche kommen zu mir, wollen schlagen, nein, aber ich geh weiter, das ist besser so. Aber hier in Deutschland, das ist kompliziert mit Polizei. Ich muss betteln, aber Polizei sagt, nein, geh weg, weg, weg, weg, weg! - Warum? Aber ich bin Bettler, ich klaue nicht, bin nicht aggressiv oder so, manche Leute trinken Alkohol, machen Probleme, die vertreiben sie nicht. Aber ich bin Bettler und sie sagen: Weg, weg! Das ist die Situation mit Polizei.

Aber in Deutschland alles gut. Hast Du Arbeit, hast Zuhause, hast gut. Aber ohne Arbeit, ohne Zuhause: nicht gut. Da ist meine Frau in Rumänien, sagt bei mir "Komm zuhause, komm zuhause." Ich sag zu ihr, was soll ich machen zuhause? Kein Geld, keine Arbeit, ich bleibe hier noch ein paar Jahre, suche hier noch ein bisschen Arbeit, andere Arbeit! Betteln, das ist nicht gut! Ich bin ein Mann, jung, ich geh arbeiten!

Audio: Diakonie/Barbara-Maria Vahl, Schnitt: Diakonie/Maja Schäfer