"Junge Menschen ticken politisch"

14. Oktober 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • FSJ und Freiwilligendienste

Charlie will mitbestimmen: sie hat ein Freiwilliges Soziales Jahr beim innovativen Projekt UNBOX vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte gemacht. Sich für andere engagieren, sich politisch einbringen und Verantwortung tragen, ist für Charlie selbstverständlich. Und doch fühlt sie sich von der Politik nicht gehört. Hören Sie ihre Geschichte. 

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Charlie Brodersens Geschichte zum Nachlesen

Junge Leute heute ticken politisch grundsätzlich, würde ich sagen. Sehr viel politischer als uns vielleicht zugetraut wird.

Ich bin Charlie, bin 18 Jahre alt und hab vor kurzem ein Freiwilliges Soziales Jahr bei Unbox im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte gemacht. Im Hinblick auf Kirche macht mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vor allem deswegen Spaß, weil ich weiß, dass es irgendwie wichtig ist, für Kinder und Jugendliche passende Angebote zu schaffen. Weil das eine Gruppe ist, die vielleicht mit klassischer Lithurgie eher wenig anfangen kann. Und dann freue ich mich, wenn ich sozusagen denen auf andere Weise mit eher innovativeren neueren Sachen zu zeigen, dass Kirche auch Spaß macht auf jeden Fall und cool ist.

Bei Unbox habe ich auch viel mit Projektplanung gemacht. Also, wir wurden durch Corona zwar ein bisschen gebremst dann, weil auch Projekte ausgefallen sind. Aber die Vorbereitung hat trotzdem stattgefunden. Und es hat mir super viel Spaß gemacht, ich mochte das sehr gerne.

Grob gesagt fühle ich mich von der Politik nicht gehört. Sicherlich nicht nur ich, sondern auch viele andere Jugendliche. Wir machen so einen großen Aufriss gerade in Hinblick auf Klimaschutz. Es werden Forderungen vorgelegt oder Ideen, und trotzdem wird es nicht so berücksichtigt, wie es berücksichtigt werden sollte oder könnte. Die Leute in der Politik trotzdem noch zum großen Teil die Augen verschließen und Sachen beschließen, die bei weitem nicht reichen, um irgendwie CO2-Emissionen zu reduzieren oder Ähnliches. Genau, ich bin selber Genderqueer, das heisst da interessiert mich natürlich auch die politische Situation oder die rechtliche Situation, die wir auch gerade in Deutschland haben mit drittes Geschlecht und divers. Ich hab das Gefühl, dass vielen sowieso transgeschlechtlichen Menschen das abgesprochen wird, dass sie selbst wissen, welches Geschlecht sie haben. Weil die rechtliche Lage im Moment so ist, dass das von anderen Leuten noch bestätigt werden muss. Das kann halt nicht sein. Also, niemand hat das Recht, darüber zu urteilen, wie ich mich fühle. Und ich möchte gerne, dass sich das widerspiegelt, dass mir das zugestanden wird, dass ich selbst in der Lage bin, das mit mir zu klären sozusagen.

Also, ich sehe auf jeden Fall gespannt in die Zukunft, eben weil ich gerade auf meinen Studienplatz warte. Auf einmal kommt man in so ein, ja man könnte es fast so Erwachsenenleben nennen. Es ist irgendwie alles noch so ein bisschen neu. Und man hat viel mehr Verantwortung auf einmal für sich selbst. Man muss erstmal lernen, damit zurechtzukommen. So Finanzen und wie sichere ich meinen Lebensunterhalt. Es kann auch ein bisschen überfordernd sein. Aber im Moment, glaube ich, kann ich ganz gut damit umgehen.

Text und Audio: Diakonie/Claudine da Rocha