"Das Schlimmste ist, kein Geld für Wünsche der Kinder zu haben"

14. Januar 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Jennifer hat ständig den Kopf voll: Wovon am Ende des Monats das Essen für die Kinder zahlen? Oder das Sportzeug? Wie einen Geburtstagswunsch erfüllen? Ihr Mann hat nur einen Minijob. Nie reicht das Geld. Entspannung ist da schwierig. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Jennifers Geschichte zum Nachlesen

Ich heiße Jennifer und bin 28 Jahre alt. Ich habe einen großen Sohn von bald zehn Jahren und einen kleinen Sohn, der jetzt sechs wird. Mein Mann und ja wir wohnen auf circa 80 Quadratmeter, weil uns nicht mehr gegeben ist, und wir verzichten dafür auf unser Schlafzimmer, damit die Kinder ihr eigenes Reich einfach haben. Wir brauchen die Tafel, weil einfach das Geld hinten und vorne nicht ausreichend ist. Mein Mann geht zwar arbeiten, ich nicht, und deswegen nutzen wir die Tafel. Es ist viel Obst, Brot, aber auch Joghurtware oder mal Milch. Mal gibt’s was zu trinken. Das ist ganz unterschiedlich und variiert.

Also drinnen, wenn man sich anstellt, gibt’s auch Kleidungsstücke, ja. Da kann man dann schauen. Heute habe ich mir ein paar Schuhe zum Beispiel mitgenommen. Ich möchte gerne wieder arbeiten, ja, und ich hab‘ mir jetzt vorgenommen, der Kleine wird ja jetzt Ende des Jahres eingeschult, und da hab‘ ich ja ein bisschen mehr Kapazitäten, ein bisschen mehr Möglichkeiten, die Kinder im Hort auch anzumelden und dann möchte ich auch gerne wieder starten, weil das wird auch ein bisschen einseitig auf Dauer, nur Mama zu sein.

Ich bin ausgebildete Floristin, eigentlich, aber die suchen dann meistens für sechs bis sieben Stunden und nicht bloß für drei bis vier Stunden, was ich könnte. Mein Mann hat auch nur nen Minijob, und der verdient 450 Euro. Also ist auch nicht die Welt. Der ist bei Alba im Mülldienst. Er hat jetzt einmal schon aufgearbeitet. Die 450, die er jetzt verdient, das ist ne Aufstockung wieder. Vorher war es noch weniger. Ja es ist wirklich nicht viel. Man hat es, und schon ist es wieder für Lebensmittel oder für Kleidung oder mal ein Ausflug, der dann wirklich mal sein muss, schon wieder weg.

Das Schlimmste ist wirklich, dass man teilweise Ende des Monats gucken muss, was man sich und den Kindern zum Essen auf den Tisch stellt zum Großteil, aber auch, dass man bestimmte Wünsche nicht erfüllen kann. Und das tut einem doch schon im Herzen weh, wenn man immer wieder nein, nein und – ja – sagen muss. Der Kleine hat jetzt bald Geburtstag, und der wünscht sich zum Beispiel ein Fahrrad und halt ein bestimmtes, und das geht halt wieder nicht. Da muss man dann wieder auf ein gebrauchtes ausweichen.

Die Schulausgaben die werden ja zum Glück vom Jobcenter wirklich unterstützt, da bekomme ich 100 Euro im Schuljahr, aber jetzt, wie Sportzeug oder Schwimmsachen oder sowas muss ich halt oder wir selber bewerkstelligen.

Auf eine Seite bin ich zufrieden, dass ich überhaupt was habe, ja, weil es gibt ja wesentlich schlimmere noch, aber so richtig wohl fühlen tu ich mich in dieser Situation nicht. Entspannen ist ganz ganz schwierig. Also man hat eigentlich immer den Kopf voll, wie sieht der nächste Tag aus, was kommt nächste Woche. Man ist eigentlich immer schon am Planen und am Rechnen und am Schauen, wie man weiterkommt.

Interview: Diakonie/Barbara Maria Vahl
Redaktion: Diakonie/Justine Schuchardt