Irgendwann kam die Wahlverdrossenheit

13. März 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Raymund Schmid (54) hat viele Jahre nicht gewählt, weil er von der Politik enttäuscht war. Die Einführung von Hartz IV hat ihn geärgert. Auch die Regierung von Merkel empfand er als ungerecht. Bei der letzten Bundestagswahl hat er sich wieder beteiligt. Doch er bleibt skeptisch. Hören Sie seine Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Raymund Schmids Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Raymund Schmid. Ich bin momentan noch 54 Jahre und lebe in Heilbronn. Gelernt habe ich Fachkraft für Lagerwirtschaft und habe in meiner Jugend anfangs noch gewählt und irgendwann kam dann so richtige Wahlverdrossenheit, weil man vonseiten der Politik einfach nicht zufrieden war. Und habe dann lange Jahre eigentlich nicht mehr gewählt. Ich hab das Gefühl, dass man durch die Wahl politisch nichts erreichen konnte.

Angefangen hat's damals, wo der Schröder damals Bundeskanzler war. Wenn man nur mal überlegt: Hartz IV das hat'n Mann aus der Wirtschaft beschlossen. Der hat den Leuten Vorschriften gemacht  "soviel dürfen Sie zum Leben brauchen", "soviel dürfen Sie für die Hygiene brauchen". Ich bin überzeugt, wenn man den guten Mann mit dem Betrag hätte ausgestattet "so Junge jetzt mal'n Monat lang" - das hätte ihm wahrscheinlich nicht mal die Schuhe gereicht, die er tragen hat.

Dann kam Merkel, und ich find, unter ihr ist vieles weitaus schlimmer geworden. Asylrecht ist ein Menschenrecht, und das ist auch richtig, dass es das gibt. Aber ich bin dagegen, dass Menschen, die in Deutschland kriminell werden, dass man die nicht abschieben tut. Weil, ich sag mal so, wenn ich in ein fremdes Land gehe und da als Gast aufgenommen werde, habe ich mich auch entsprechend zu verhalten.

Erst bei der letzten Wahl da hab ich dann mal wieder mitgewählt das für mich kleinere Übel. Was für mich ein Grund wäre, nicht zu wählen, wäre, wenn etwas mehr wie die erste Hälfte des Lohn Gehalts draufgehen würde für Steuern und der nächste Rest dann für die Wohnungsmiete, weil das würde voraussetzen, dass man dann zum Teil zwei, drei Jobs brauchen würde, um überhaupt überleben zu können.  

 

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt