Ilse Perlebach: Alter bedeutet nicht, dumm zu sein

7. Mai 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!

Ilse Perlebach (88) kann mitunter unbequem sein. So gerne sie sich für andere einsetzt, so direkt macht sie den Mund auf, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Sie ärgert sich, wenn Ärzte sie aufgrund ihres Alters nicht ernst nehmen, oder sich andere in einer Diskussion nicht für ihre Meinung interssieren. Denn das Bedürfnis, für Menschen wichtig zu sein, ist "unabhängig von unserem Alter". Lesen Sie ihre Geschichte!

Ilse Perlebach will, dass alte Menschen ernst genommen werden

Ilse Perlebach hat viele Jahre in der Verwaltung der Essener Verkehrs AG gearbeitet. Als sie Mitte 40 war, haben die Kollegen sie gewarnt: Ilse, du musst dir rechtzeitig ein Hobby zulegen, sonst wird es schlimm, wenn du erstmal im Ruhestand bist. Da auch Ilse Perlebach der Meinung, war, dass niemand nur mit Lesen und Spazieren gehen sein Leben bestreiten kann, machte sie sich auf die Suche. Obwohl evangelisch getauft und konfirmiert wuchs sie in einem wenig religiösen Elternhaus auf. Kirche und Religion waren ihr eher fremd. Aber sie ging gern ins Museum und ärgerte sich darüber, dass sie bei den vielen biblischen Motiven dort die Zusammenhänge und Hintergründe nicht verstand.

Während einer Kur in Bad Homburg wagte sie sich dann zum ersten Mal seit langer Zeit wieder hinein in eine Kirche und fand das, was sie vorfand, ganz Mut machend. Die Neugier war geweckt und überdauerte die Kur. Zurück in Essen fand Ilse Perlebach heraus, dass die Markuskirche am Postreitweg in Essen-Frohnhausen wohl die für sie zuständige Gemeinde sein müsste. Sie ging hin und blieb. "Schuld daran", meint sie, "war der Pfarrer, dem ich anfangs jede noch so dumme Frage stellen durfte und immer eine Antwort bekam."

Christin zu sein, hieß für sie aber auch immer tatkräftig mitzumachen. 20 Jahre lang wirkte sie als aktives Mitglied im Presbyterium und in der Kreissynode. Im Jahr 2000 legte sie dann ihr Presbyteramt nieder und ging erstmal zur Uni. Drei Jahre lang studierte sie an der Laien-Universität des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes Nordrhein in Düsseldorf Theologie. Doch auch ihrer Gemeinde blieb sie treu, leitet weiterhin verschiedene Gruppen, ist im Vorstand des Fördervereins des Ev. Seniorenzentrums in der Möserstraße und betreut seit zwei Jahren Geflüchtete aus dem Iran. Mit ihrem Kreativkreis handarbeitet sie für den alljährlichen Basar und zu dem von ihr angeregten Angebot "Stricken und schnattern", kommen wöchentlich 20 bis 25 Teilnehmerinnen quer durch alle Generationen.

Neue Ideen abends vorm Fernseher

Seit vielen Jahren ist Ilse Perlebach außerdem selbst Teilnehmerin der Angebote des Senioren- und Generationenreferats des Diakoniewerks Essen. Sie fuhr mit auf Reisen, nahm Teil am Informationsseminar "MouseMobil", was darin gipfelte, dass sie sich ein Laptop kaufte und sich testweise eine eigene Website baute, besucht regelmäßig die Seminare für ehrenamtliche Mitarbeitende der Kirchengemeinden, diskutiert mit in der Herzenssprechstunde und ist begeistert von den seit zwei Jahren angebotenen Coaching- und Supervisionsseminaren für ehrenamtliche Gruppenleitungen der gemeindlichen Seniorenarbeit.

"Kommunikation und Austausch, das ist so wichtig", sagt sie, "denn ich entwickle mich doch selbst fort, wenn ich mit anderen rede." Ilse Perlebach ist im Februar 88 Jahre alt geworden und was sie derzeit am meisten stört, ist nicht ihr Alter, sondern die Art und Weise, wie ihr oft wegen ihres Alters begegnet wird. Dieses unterschwellige Entmündigen und Nicht-mehr-ernst-nehmen, wenn der Arzt ihr den alten Medikamentenzettel auch auf ihr Bitten nicht wieder mitgeben will, weil sie den doch sowieso nur mit dem neuen verwechseln würde. Wenn das, was sie sagt, milde belächelt wird, sie aber genau spürt, dass ihre Meinung so richtig niemanden mehr interessiert. Dann erwacht sie zur vollen Größe, diese Widerstandskraft, die schon immer in ihr gesteckt hat. Ja, dann wird aus der lustigen und durchaus selbstironischen Frau ("Ich wollte immer einen Kriegsversehrten heiraten, weil ich die so Fürsorge brauchend erlebt habe, hat aber nicht geklappt.") die Störrische, die ihr Unerhörtsein aller Welt kundtun will.

Eine muss doch den Mund aufmachen

Im Oktober 2017 bekam Ilse Perlebach tatsächlich die Einladung zu einer Talkrunde der Stiftung Pro Alter des Kuratoriums Deutsche Altershilfe. Das Thema: Selbstbestimmung und Lebensqualität im Alter. Gemeinsam mit Claudia Hartmann vom Senioren- und Generationenreferat fuhr sie nach Köln. Mit ihr auf dem Podium in der Wolkenburg saß unter anderem die ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, Prof. Dr. Ursula Lehr und es wurde lebhaft diskutiert - über das hohe Alter und wie Menschen ab 80, die ihre Potenziale gern weiterhin in die Gesellschaft einbringen möchten, dabei unterstützt werden können. Ein Herzensthema für Ilse Perlebach. Hier war sie in ihrem Element und ihre Meinung gefragt. Denn so wenig Ilse Perlebach sich vor Konflikten scheut, so sehr fürchtet sie sich vor einem: "Was kommt, wenn ich mal nicht mehr machen darf und nicht mehr machen kann? Wir alle brauchen doch unabhängig von unserem Alter das Gefühl, bedeutsam für andere zu sein." Nur noch aufs bloße Konsumieren beschränkt zu sein, das weiß sie sicher, ist schwierig und würde ihren Lebensmotor mächtig ins Stottern geraten lassen.

Text: Diakonie/Julia Fiedler

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.