"Ich wünsche mir von Amtsträgern, dass sie Fehler machen dürfen"

10. Februar 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Familie und Kinder

Bettina Wulff arbeitet bei Notruf Mirjam, eine Beratungsstelle für schwangere Frauen in Notsituationen. Die ehemalige First Lady war auch mal alleinerziehend und weiß, dass Muttter zu sein nicht immer nur schön ist. Dass Politikerinnen und Politikern Fehler machen, findet sie menschlich.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Bettina Wulffs Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Bettina Wulff. Ich bin 46 Jahre alt, und ich arbeite beim Notruf Mirjam im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Ich wohne in der Nähe von Hannover.

Der Notruf Mirjam ist ein Notfalltelefon für Schwangere und Frauen in Notsituationen. Wir bieten wertfreie, anonyme Beratung an und versuchen dann, für die Frauen, für die Betroffenen die bestmögliche Unterstützung zu suchen und zu vermitteln.

Ich weiß, wie es ist, wenn extreme Stresssituationen auftauchen. Ich war auch selber alleinerziehend. Ich kenn das Thema, dass das manchmal auch nicht nur immer schön ist, Mutter zu sein, sondern eben auch stressig und anstrengend.

Wenn ich Dinge über sozusagen meine Person oder über private Dinge in der Öffentlichkeit oder in den Medien, sagen wir mal, wenn ich das lese, dann ist es häufig so, dass ich aber grundsätzlich auch kein Problem damit habe, wenn ich mit „Frühere First Lady“ oder „ehemalige Frau an der Seite des ehemaligen Bundespräsidenten“ tituliert werde. Das ist ein Teil meines Lebens, ein sehr besonderer Teil und wichtiger Teil, und ich würde das niemals missen wollen diese Zeit.

Sie haben als Frau des Bundespräsidenten einen eigenen Apparat. Sie haben ein Büro. Sie haben Referenten. Sie haben einen vollen Terminkalender, und Sie sind absolut durchgetaktet. Bodenhaftung verliert man dadurch dann nicht.

Als allererstes wünsche ich mir eigentlich von Politikerinnen und Politikern, dass sie sich doch trauen, ein bisschen mehr Menschlichkeit zuzulassen. Ich wünsche mir natürlich auch von Amtsträgern, Politikerinnen und Politikern, dass sie auch Fehler machen dürfen und die natürlich auch dann zugeben können. Es ist etwas absolut Menschliches, und es muss möglich sein, dann trotzdem aber auch in diesem Bereich zu arbeiten. Dese immer größer werdende Angst, Fehler zu machen, weil sofort eine mediale Bewertung kommt, führt letztlich dazu, dass die meisten Menschen nicht mehr bereit sind, sich überhaupt öffentlich oder politisch zu engagieren, und das ist sehr bedenklich.

Foto: Julia Baumgart
Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt