"Ich bin ein kämpferischer Typ"

11. Dezember 2019
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Ein ruhiges Leben wünscht sich Joachim Frommelt, Glaser in Rente. Bei Ungerechtigkeiten geht es dann aber doch unruhiger zu: Gegen die da oben, die Richter am Amtsgericht, ging er sogar in den Hungerstreik. Hören Sie seine Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Joachim Frommelts Geschichte zum Nachlesen

Ich bin 74 Jahre alt, Glaser von Beruf. Ich habe sehr lange gearbeitet, in Hannover auch als Glaser und nebenbei Fußball gespielt. Ich habe einen heftigen Strauß ausgefochten vor einigen Jahren. Da habe ich mit dem Amtsgericht im Clinch gelegen und da war ich auch in der Presse. Ich bin halt ein kämpferischer Typ, ich gebe nie auf im Leben.

Michael Kohlhaas, das war für mich auch ein Idol. Schon allein die Kämpfernatur. Man hat ihm ja damals die Pferde gestohlen. Da kam das Ganze in Gang, dass er auch stark benachteiligt wurde von vielen Leuten. Im 16. Jahrhundert war das, glaube ich. Das Buch habe ich vorm Amtsgericht gelesen die ganze Zeit. So was regt mich auf, Ungerechtigkeiten. Die da oben, das hat mir nicht gefallen, wie sie zum Teil ihr Amt missbraucht haben, bis auf Ausnahmen. Zwei Richter wurden entlassen durch meinen Protest. Ich habe im Hungerstreik gesessen einige Tage. Aber ein paar Bürger haben mir doch sehr beigestanden, das muss ich sagen. Das wurde mal Zeit, haben einige gesagt, dass mal jemand etwas tut gegen die Willkür von Justiz und Polizei will ich jetzt nicht sagen, obwohl Polizei war auch dabei sehr einseitig. Aber es ist alles gut für mich ausgelaufen.

Och, ich wünsche mir eigentlich ein ruhiges Leben und gar nicht viel Geld, brauche ich nicht. Wenn es ein bisschen mehr wäre, wäre es schön. Wenn nicht, kann ich auch damit leben. Ich nehme es so wie es ist und mache das Beste draus.     

 

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape