Hundetraum: Ehemalige Wohnungslose führen Hunde aus

29. Dezember 2017
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Wohnungslosigkeit

Rolf Scherf kann sehr gut mit Hunden, wie viele  Wohnungslose. Das brachte Tanja Scherer von der evangelischen Wohnungslosenhilfe in Mainz auf eine Geschäftsidee: ehemalige Obdachlose arbeiten jetzt als Hundeausführer.

Rolf Scherf, früher wohnungslos, heute ist er Hundeausführer in Mainz – sein Traumjob

Don heißt der kleine Terrier, der wild umherwuselt, unsichtbaren Fährten folgt und dabei immer die Nase knapp über dem Boden hält. Wenn aber Rolf Scherf, 51, Don ruft, steht der braune Hund sofort bei Fuß. Kommunikation fast ohne Worte. Die beiden gehen seit September 2016 fünf Tage die Woche spazieren. Hundeerziehung inklusive, denn Scherf kennt sich gut mit Hunden aus. Er arbeitet beim Hundeausgehservice „Hunde(T)raum“ der Inneren Mission in Mainz. Das Besondere: Ehemalige Wohnungslose führen die Hunde aus. So auch Rolf Scherf, der bis 2015 noch auf der Straße lebte.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen wohnungslos werden. Was Rolf Scherf besonders nervt, sind Vorurteile: „Viele Menschen sind sehr überheblich, weil sie meinen, jeder der draußen ist, hat keinen Bock zu arbeiten, was meistens aber nicht stimmt.“ Oft seien es gesundheitliche Gründe oder harte Schicksalsschläge, warum sie nicht arbeiten können, erzählt Rolf Scherf.

Eine, die nicht verurteilt, sondern zuhört, ist Tanja Scherer. Sie leitet bei der evangelischen Wohnungslosenhilfe in Mainz die Anlaufstelle für Menschen in sozialen Notlagen. Mit wohnungslosen Menschen arbeitet sie  seit 2000. Viele von ihnen haben Hunde – eine enge, vertraute Beziehung. Als dann ihr Arbeitgeber, das diakonische Unternehmen  Mission Leben gGmbH, die Mitarbeitenden dazu aufrief, sich soziale Geschäftsmodelle auszudenken, brachte das Tanja Scherer auf eine Idee. „Ich wollte Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, auf Augenhöhe miteinander bringen – und zwar durch Hunde“, erklärt Scherer.

Seit Oktober 2016 gibt es nun den Hundeausgehservice in Mainz. In der Pilotphase machten mehrere Hundesitter einen Hundeführerschein und absolvierten einen Kurs in Erster Hilfe für den Hund. Bis vor kurzem konnte an die Hundesitter nur eine Ehrenamtspauschale gezahlt werden. Das ändert sich jetzt. Rolf Scherf ist der erste Angestellte. 9,15 Euro kostet die Stunde spaziergehen. Der Rest seines Gehalts wird über den Eingliederungszuschuss des Jobcenters geregelt „Wir fangen jetzt richtig an, Werbung zu machen und hoffen, dass wir bald noch mehr Hundesitter einstellen können.“ Der Markt ist groß: Allein in Mainz gibt es knapp 5.500 angemeldete Hunde. Dabei soll der Hundeausgehservice nur der Anfang sein. „Eigentlich wollten wir von Anfang an eine Hundetagestätte eröffnen, aber bis jetzt fehlt noch das Grundstück“, erklärt Tanja Scherer.

Rolf Scherf liebt seine Arbeit. Tiere haben ihn sein Leben lang begleitet. Er ist in einem Jägerhaushalt in Bayern aufgewachsen und hatte auch danach im Beruf immer wieder  mit Vierbeinern zu tun. Er arbeitete fünfzehn Jahre im Ausland. Zuletzt in Kanada auf einer Farm: „Du siehst, was du richtig machst und wenn du etwas falsch machst, kriegst du es auch gleich mit“, erzählt er, „Damit kann ich umgehen - bei Menschen bin ich mir nicht immer so sicher.“  Was er sich wünscht: Dass es bald mit der Hundepension klappt.

 Text: Diakonie/Anieke Becker

Zuhören statt verurteilen!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.