Hans Stenzel ist glücklich über die Waldbesetzer im Hambacher Forst

17. Oktober 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit
  • Engagement und Hilfe

In den 80er-Jahren war der Bergbau-Ingenieur Hans Stenzel noch einer der wenigen, die gegen die Umweltschäden im Rheinischen Braunkohlerevier protestierten. Heute ist der Hambacher Forst bundesweit zum Symbol des Widerstandes geworden und der mittlerweile 79-Jährige fast täglich dort, auch wenn er viele Schäden bereits für unheilbar hält. Hören Sie seine Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Hans Stenzels Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Hans Stenzel und habe die Großtagebaue von ihrer Entstehung an erlebt und als Bergbauingenieur war mir klar: Das kann nicht gut gehen. Das wird mit einer Katastrophe enden.

Die Umweltsünde, die hier passiert, hat drei Ursachen. Erstens, dass das Leben der Menschen in den Dörfern zerstört wird und sie die Dörfer dann ja auch verlassen müssen. Zweitens, dass die Ökologie bis in den tiefsten Nerv auf 600 bis 900 Meter Tiefe durch Wasserentnahme beschädigt wird, was nicht mehr repariert werden kann. Drittens, dass die Aussage, wir verdienen damit heute noch Geld, mit der Kohle zum Strom, einfach falsch ist.

Das macht mir große Sorgen, dass wir unseren Kindern eine Landschaft mit zerstörten Dörfern, zerstörter Kultur, zerstörter Natur hinterlassen - ich habe selber drei Kinder, zwei sind aus diesem Grunde auch schon hier weggezogen.

Im Hambacher Forst sind keine Kriminellen! Es sind junge Leute zwischen 15 und 25. Wenn die nicht wären, wäre der Protest nicht noch einmal so groß geworden, wie er in den letzten zwei Jahren geworden ist.

Ich bin fast täglich da. Ich bin absolut dafür, dass die protestieren. Ich danke denen sogar, dass sie uns unterstützen, wir in unserem Alter, und dass sie jetzt dafür kämpfen, dass die Zerstörung der Schöpfung ein Ende nimmt.

Mein Vater war Bergmann, Steinkohle, 600 Meter tief, mein Vater hat nach dem Krieg gehalten: zehn Hühner, zehn Gänse, vier Schweine, eine Ziege - und wir hatten nie einen Tag Hunger - das hat mich als Kind schon motiviert: Wenn da mal was ist, dann bist du dran, das zu verteidigen. Und das ist meine tiefste Motivation bis heute. Weil der Tagebau selbst die Mäuse in Millionenscharen vertrieben hat, bevor abgebaggert wurde. Wir sind hier in einer Landschaft, die ausgeplündert ist, nicht nur mit Wald, mit Wiese, mit Bäumen, sondern mit der Tierlandschaft. Ich habe selbst zu Hause einen kleinen Hund, zwei Katzen, acht Hühner und einen Hahn. Das ist mein Symbol immer noch des praktischen Handelns, wie es mir mein Vater beigebracht hat.

Meine Sorge ist, dass die Politiker der großen Parteien nicht hören auf die Wissenschaftler, die uns eindringlich warnen, so weiter zu machen. Meine Hoffnung ist, dass es eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn die Kommission jetzt ihre Sache vorlegt, zu sagen: 2030 ist Schluss!

Redaktion: Bettina v. Clausewitz