Georg Göbl möchte in einer eigenen Wohnung sterben

8. Mai 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Wohnungslosigkeit

Georg Göbl (80) ist schwer behindert und wohnungslos. Er ernährt sich überwiegend von Resten aus Mülleimern. Sein größter Wunsch ist, eine Wohnung zu bekommen, in der er sterben kann. Lesen Sie seine Geschichte!

Georg Göbl weiß nicht wohin, wenn er das Obdachlosenheim verlassen muss

Ich heiße Georg Göbl und wohne in einem Heim für wohnungslose alleinstehende Männer und bin knapp achtzig Jahre alt, sitze im Rollstuhl und kann nicht mal mehr ohne Abstützung stehen. Ich schaffe es nicht, über das Wohnungsamt Stuttgart eine Wohnung zu bekommen, denn die müsste behindertengerecht sein. Das klappt scheinbar nicht. Ich habe das Hartz IV Einkommen von zur Zeit 409 Euro. Aber das Finanzielle wäre nicht das Problem. Vom Sozialamt würde eine entsprechende Wohnung bezahlt. Dann müsste ich nur die Nebenkosten zahlen.

Von den 409 Euro geht die Hälfte an das Heim. Das finde ich schon ein bisschen miserabel, dass die Stadt Stuttgart in einem eigenverantwortlichen Betrieb den Bewohner so abzockt – für ein verpisstes Zimmer, das schon Jahre nicht gestrichen worden ist, das mit Schädlingsbekämpfungsmittel behandelt wurde, weil der Mieter vorher darin tot rumlag, wo die Heizung nicht funktioniert, wo ich kein Wasser habe.

Zukunft habe ich keine mehr, aber für die restliche Zeit, die mir noch bleibt auf diesem schönen Planeten, einfach in einer eigenen Wohnung zu sterben, das wäre mein Wunsch. Als alter Mensch hat man ja nicht mehr so groß Wünsche. Da hat man vielleicht noch die Erinnerungen, vielleicht auch Träume.

"Habe da meine Quellen, vornehmlich aus dem Mülleimer"

Ich habe mir angewöhnt, Sachen, die ich umsonst bekomme, nicht zu kaufen. Ich habe da meine Quellen, vornehmlich aus dem Mülleimer, wo die Lebensmittel angebissen sind. Die Bißstelle mache ich weg. Wie ein Tier, kann man so sagen. Da, wo ich was finde, da esse ich gerade, also nicht so wie normale Menschen, die dann morgens ihr Frühstück haben, mittags in die Kantine gehen und dann abends zu Hause, und das alles schön geregelt, auch zeitlich. Ich nehme es so, wie es gerade kommt. Ich habe mich im Laufe der Jahre in dieses Schema hineingefügt. Ich vermisse da nichts.

Ich war Gebrauchtwagenhändler. Das ist zum Erliegen gekommen Mitte der 90er Jahre, als dann in den östlichen Ländern die eigene Produktion aufgebaut wurde. Der andere Grund war, dass ich mit dem Staat Probleme bekommen habe, ein Gesetzesverstoß. Der hat mich die Existenz gekostet. Dann bin ich in dieses Milieu gerutscht.

Ich habe Menschen, mit denen man sich bespricht. Aber so richtig Freunde findet man selten hier in diesem Milieu.

"Ich war mein ganzes Leben selbstbestimmt"

Ich mache mir Gedanken, wenn ich dann aus diesem Pennerheim raus muss, wie geht es dann weiter. In eine Einrichtung möchte ich nicht. Weil ich das ganze Leben selbstbestimmt war. Ich war ja auch drei Wochen im Altenpflegeheim, und dann bin ich schnell wieder raus, weil ich mir das Elend nicht anschauen wollte. Da bin ich noch nicht so weit, dass ich mich da unterordnen kann. Da ist es doch auf dem Friedhof schöner. Aus gesundheitlichen Gründen kann ich nicht mehr auf Friedhofstoiletten, weil ich rund um die Uhr im Rollstuhl sitze.

Ich bin ein Pflegefall. Aber ich kann den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) nicht zu mir auf die Friedhofstoilette schicken. Die kann ich nur zu mir schicken, wenn ich eine eigene Wohnung habe. Deshalb bekomme ich auch keinen Pflegegrad. Also meine Angst ist, wo finde ich eine passende Location, wo ich meine Matratze hinlegen kann.

Die Dinge, die Frau Merkel so verbrochen hat, sind schon gewaltige Irrtümer der Politik – dass man, nur weil Ackermann zur großen Party lädt, den Spielbankern mit Hunderten Milliarden aus der Patsche hilft. Die Welt würde nicht untergehen, nur weil man diese Leute nicht unterstützt. Die Welt geht so schnell nicht unter.

Ich bräuchte nur einen Lobbyisten, der sagt: Herr Göbl, jetzt habe ich die Wohnung. Ich brauche die Wohnung ja keine 20 Jahre mehr.

Interview und Text: Diakonie/Justine Schuchardt

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.