Gabriele Ehrmann: Bei ausländerfeindlichen Sprüchen versuchen wir, für die andere Seite zu werben

26. Februar 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Diakonie und Glauben

Gabriele Ehrmann ist Diakoniepfarrerin und leitet die Vesperkirche in Stuttgart. Dort setzt sie sich für Menschen ein, die in ihrem Leben zu kurz gekommen sind. Hören Sie ihre Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Gabriele Ehrmanns Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Gabriele Ehrmann. Ich bin Diakoniepfarrerin hier in Stuttgart seit Sommer vergangenen Jahres, und in dieser Funktion bin ich auch verantwortlich für die Vesperkirche Stuttgart. Vesperkirche ist etwas, wo man Gemeinschaft lebt, wo man auch essen kann, wo man das, was man braucht, auch die gesundheitliche Versorgung, zur Verfügung hat für die sieben Wochen. Aber Vesperkirche will auch ein Stachel sein in der Gesellschaft und darauf hinweisen und zeigen: es gibt in unserer reichen Gesellschaft doch einige, die sind einfach die Verlierer. Und wer Verlierer ist, hat immer das Gefühl, zu kurz zu kommen, und da ist es dann nicht mehr weit, dass da dann auch Extremismus entsteht.

Unsere Gäste sind natürlich nicht homogen auf einer Skala einzuordnen. Das sind viele Menschen, die in vielfältiger Weise zu kurz gekommen sind und die in vielfältiger Weise belastet sind. Das heißt, entweder ist das Geld ganz ganz knapp oder auch ist die Wohnung nicht mehr vorhanden, ich hab keine Arbeit. Krankheit spielt eine Rolle, psychische Erkrankungen spielen eine Rolle, Süchte, Alkohol, Drogenabhängigkeit. Und oftmals ist vieles auch noch gemischt. Altersarmut zeichnet sich auch bei uns in der Vesperkirche zusehends mehr ab, Einsamkeit spielt sicher auch eine große Rolle.

Wir haben Menschen mit Migrationshintergrund. Vor allem haben wir Menschen aus osteuropäischen Ländern. Das sind vielfach Menschen, die durch viele Raster fallen, für die es hier auch keinen Wohnraum gibt, zum Beispiel die Roma- und Sintigruppen, die wir haben in ziemlich großer Anzahl, die auch im sozialen Netz nicht verankert sind hier.

Ich denke es gibt schon Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen, und es gibt auch Neiddebatte zwischen denen, die bei uns in der Vesperkirche sind, die dann sagen: die Flüchtlinge kriegen alles und wir nichts. Die haben eine Gesundheitskarte, die haben eine Stuttgartkarte undsoweiter. Dass man da vielleicht auch mit scheelem Blick drauf guckt, liegt sicher auch an der Situation derer, die bedürftig sind. Die hier sind, haben es vielfach erlebt in ihrem Leben, dass sie zu kurz gekommen sind.

Das zeigt sich dann in der Debatte über Flüchtlinge, das zeigt sich dann aber auch, wenn wir Kuchen austeilen oder etwas zusätzlich. Da ist dann auch ganz schnell etwas da, wo man sagt, ich habe jetzt aber weniger bekommen als der Nachbar. Ich glaube, das sitzt tief.

Das beste ist, Menschen aus diesem Flüchtlingsumfeld wirklich persönlich kennenzulernen. Wir haben es ja auch immer wieder gehört. In den neuen Bundesländern ist die Ausländerquote relativ niedrig, aber die Urteile über solche Menschen sind relativ scharf. Je mehr Kontakte ich habe auch zu Menschen, die aus Syrien, aus Irak, oder sonst woher kommen, desto schneller ändert sich dann auch mein eigenes Bewusstsein.

Wir wollen auch niemanden erziehen. Das können wir auch nicht. Meinungen sind einfach da. Die sind querbeet in unserer Gesellschaft da. Aber wenn wir rechtsradikale oder ausländerfeindliche Sprüche hören, dann gehen wir dahin und versuchen zu werben für die andere Seite.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt