"Es geht darum, zu funktionieren"

9. November 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Engagement und Hilfe

Seraphin ist ehrenamtlich aktiv beim Projekt "Jugendliche beraten Jugendliche" vom Kinder- und Jugendtelefon der Hoffbauer Stiftung. Auch in der Schule hört er genau hin und ist der Meinung, dass immer höhere Anforderungen in der Schule und in der Arbeitswelt die Menschen belasten. Hören Sie seine Geschichte. 

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Seraphin Wulfs Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Seraphin, ich bin inzwischen 18 Jahre alt und gehe grad noch in die 12. Klasse und stehe kurz vor dem Abitur. Und arbeite in meiner Freizeit ehrenamtlich für das Kinder- und Jugendtelefon.

Dieses Projekt gibt es meines Wissens nach 15 Mal in Deutschland. Und es beinhaltet eben die Tätigkeit von Jugendlichen, die eben immer samstags dann an den Telefonstandorten sitzen und mit anderen Jugendlichen telefonieren. Dann kommt es natürlich auch vor, dass Leute anrufen, weil sie wirklich ernsthafte Probleme in der Schule haben oder weil sie keine Ahnung Verwandte oder nähere Verwandte vielleicht in der Familie haben, die mehrere Suizidversuche hinter sich haben oder die selbst irgendwie enorme psychische Probleme haben. Oder Probleme mit der Polizei im Zusammenhang mit Gewalt auch und das kommt sehr sehr viel vor. Gefühle der Isolation besonders durch Corona-Krisensituationen.

Ich finde es schön zu merken, dass man wirklich jemanden helfen kann. Also, es kommt natürlich auch vor, dass jemand sagt, was bist du denn für ein Arschloch, wie soll mir das jetzt weiterhelfen? So das gehört halt auch dazu. Aber es gibt auch durchaus Leute, die hört man lächeln am Ende eines Gespräches und sie bedanken sich dann auch wirklich und wünschen einen schönen Abend. Und das ist halt irgendwie ein gewisses Erfolgsgefühl auch. Und schön zu wissen, dass man jemandem, der keine Ahnung wo sitzt, irgendwie helfen kann.

Ich fände es schön, dass wenn die Politik wahrnehmen würde, wie es den Schülern geht und wie es natürlich auch den Lehrern geht. Ich kenn sehr sehr viele, die mit mehr oder weniger starken Problemen durch die Schule zu kämpfen haben. Also, sei es jetzt irgendwie durchaus Depressionen oder auch einfach Angstzustände. Und ich sehe eigentlich auch selten Leute, die Spaß in der Schule haben und das finde ich persönlich sehr schade. Und das finde ich auch einfach, dass die Schule inzwischen ungenügend ist und dass da aber auch die Jugend viel nicht gehört wird. Weil wenn man sich das jetzt in Bezug auf die Arbeitswelt anguckt, die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten so viel verändert. Es gibt verschiedene Arbeitszeiten, es gibt andere Arbeitsmethoden. Wenn man in die Schule guckt: immer noch dieselben Hierarchien wie in den letzten Jahren, es ist immer dieses selbe Ding mit Disziplin und die Bestrafung und die Belohnung. Und am Ende ist man quasi nur so viel wert wie die Noten auf dem Papier. Also, ich hab den Eindruck, dass es einfach dazu führt, dass jeder ein Abitur machen muss, so. Und das heißt Studium ist das, was man im Leben erreichen soll und wenn du kein Studium machst, ist das kacke so.

Gerade geht es darum, und das ist glaube ich auch in der Arbeitswelt so, ums Verrecken zu funktionieren. Und ja nicht irgendwie schwach zu sein oder eben mal was nicht zu können. Und das ist in der Arbeitswelt so und das ist in der Schule so. Und das ist das, was unbedingt behandelt werden sollte.

Text und Audio: Diakonie/Claudine da Rocha