"Es braucht offene Herzen und anpackende Hände"

29. April 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Corona

Anna Jäger unterstützt die Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion in Berlin Kreuzberg bei der Essensausgabe. Warum sie sich selbst nicht als Alltagsheldin sieht und warum sie anderen Menschen in Corona-Zeiten hilft, erfahren Sie in ihrer Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Anna Jägers Geschichte zum Nachlesen

„Also ich hab zum einen gelesen, das sonst ganz viele Hilfsangebote schließen müssen. Weil viele von den Ehrenamtlichen schon ältere Leute sind, die sich in einer sogenannten Risikogruppe befinden und das deswegen die Ausgaben geschlossen werden müssen. Gleichzeitig ist natürlich klar, dass jetzt noch mehr Leute darauf angewiesen sind, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Eine Freundin von mir war hier schon engagiert. Wir haben darüber gesprochen und dann meinte sie, komm doch gerne mit. Der Anstoß, darüber nachzudenken, wo ich mich in der Nachbarschaft noch engagieren könnte, war jetzt tatsächlich die Krise.

Ich hab viele nette Kontakte. Es ist so ganz anders, wenn man die ganze Woche so alleine oder nur mit einer anderen Person zu Hause ist. Die ersten zwei Mal habe ich gemerkt, dass man gar nicht mehr gewöhnt ist, am Tag mit ca. 60 Leuten Kontakt zu haben und Gespräche zu führen. Und die größte Beobachtung für mich ist wirklich zu sehen, nach was für einer kurzen Zeit man die Leute schon kennt. Also ich weiß schon, wer ist Vegetarier*in und möchte lieber ganz viel Gemüse. Es gibt eine ältere Dame für die lege ich immer Kräuter zur Seite, weil sie immer nach Kräutern fragt. Also man kennt schon so langsam die Eigenschaften und versucht auch die Sachen so vorzubereiten. Das kennen wir ja alle, dass wir bestimmte Sachen gerne mögen und andere nicht so. Es macht Spaß, schnell einen Draht zu den Leuten zu bekommen, so eine persönliche Beziehung aufbauen zu können nach der kurzen Zeit und auch immer nur sehr kurzem Kontakt.

Ich würde mich gerne von dem Begriff Heldin verabschieden. Ich finde, es ist überhaupt nichts heldenhaftes daran, ein bisschen mit anzupacken. Und ich habe manchmal das Gefühl, dass es entweder Leute abschrecken oder bequem machen könnte, andere Leute als Heldin oder Held zu bezeichnen. Denn eigentlich ist es so, dass es alle machen können. Man braucht überhaupt keine besonderen Superkräfte oder Fähigkeiten. Wenn man Zeit hat und in der Lage ist, körperlich mal mit anzupacken, dann kann man es tun – überall. Sei es hier bei der Essensausgabe, aber auch in anderen zivilgesellschaftlichen Bereichen braucht es einfach – meiner Meinung nach – offene Herzen und anpackende Hände. Aber eigentlich gar keine Helden.“

Mehr Infos: Die Essensausgabe erfolgt aus hygienischen Gründen an einem Seitenfenster der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion in Berlin Kreuzberg. Die Helfer*innen tragen Handschuhe und Mundschutz und reichen gepackte Tüten aus dem Fenster.

 Interview und Redaktion: Diakonie/Iris Möker