Enera Rastoder: "Ich möchte etwas zurückgeben"

9. Januar 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration

Weil sie selber einmal Flüchtling war, hat Enera Rastoder ein Pflegekind aus Syrien aufgenommen. Dabei hat ihr auch der Pflegekinderdienst von Bethel geholfen. Hören Sie ihre Geschichte.

Zuhören statt verurteilen!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Enera Rastoders Geschichte zum Nachlesen

"Ich bin Enera Rastoder. Ich komme aus Paderborn und bin seit 22 Jahren in Deutschland. Ich bin Flüchtling gewesen in den 90ern. Ich komme aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ich war damals 19 Jahre alt und habe meine Berufsschule gemacht in Sarajevo.

Wir sind auch zehn Tage gereist, diese Balkanroute: Kroatien, Slowenien, Österreich, Deutschland – das hat auch so lang gedauert. Und da musste ich mitfühlen mit den Flüchtlingen, wo es jetzt 2015 auch die Balkanroute war.

Und dadurch habe ich mich entschieden, Pflegemutter zu werden. Ich habe mit meinen Kindern und meinem Mann gesprochen. Aber ich hatte auch schon Angst: Ich dachte, warum soll Bethel das mit mir machen? Gerade weil ich selber Flüchtling war! Ich hatte Zweifel an mir selbst: Die werden mir kein Kind geben, weil ich so viel schon erlebt habe und so viel weiß von dieser Flucht. Aber das hat ja ganz gut funktioniert und geklappt.

"Ich musste etwas tun"

Ich wollte auch etwas zurückgeben. Ich war so gut aufgenommen, habe versucht, mich gut zu integrieren. Ich weiß nicht, ob das für Deutschland ist oder dem Land etwas zurückgeben. Ich fühlte mich, ich musste etwas tun.

Mit meinem Pflegekind ist das eine Bereicherung. Ich freue mich, dass er da ist, dass ich ihm etwas beibringe, dass er etwas im Leben erreicht und schafft.

Was passiert jetzt ab 18? Das ist ein wichtiger Punkt. Jetzt ist mein Pflegekind 18 geworden und das Jugendamt schreibt, wir zahlen das nicht mehr. Er ist 18 – Ich kann ihn jetzt nicht rausschmeißen. Er hat jetzt das Geregelte gelernt, eineinhalb Jahre. Und wenn er jetzt raus ist aus diesem System 'Familie und Schule und Leben', das Geregelte, dann ist er wieder verloren.

Wir stecken so viel Kraft hinein, zwei Jahre – ich, nun Träger, Vormund – hin und her. Jetzt können wir nicht einfach loslassen. Er ist nicht bereit alleine zu leben – gerade mit 19, 20. Mein Sohn ist mit 20 ausgezogen und studieren gegangen. Er braucht noch ein bisschen Zeit. Wir denken immer, bis 18 sind sie bereit, sind sie aber nicht. Ich wünsche mir vom Jugendamt und dem Träger, dass sie uns noch unterstützen, bis 19 oder 20 Jahre mindestens."

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape