Elisabeth Wawer singt gerne „Lobet den Herrn“ oder „Die Gedanken sind frei“

3. Juli 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Freiwilliges Engagement

Elisabeth Wawer aus Bremen ist 75, hat Kinder und Enkel und ist mit ihrem Leben zufrieden. Einmal in der Woche ruft sie für den Bremer Verein „Ambulante Versorgungsbrücken“ Menschen an, die sonst wenig soziale Kontakte haben. Sie arbeitet ehrenamtlich für das sogenannte Wohlfühltelefon. Hören Sie ihre Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Elisabeth Wawers Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Elisabeth Wawer, ich wohne hier in Bremen-Nord und ich bin 75 Jahre alt und ich bin medizinisch-technische Assistentin. Aber, sagen wir mal, ich hatte schon immer einen bisschen sozialen Touch, ich habe in der Entwicklungshilfe gearbeitet, in Südostasien, dann habe ich auch sieben Jahre mit der Familie in Spanien gelebt, also ich bin rumgekommen. Ich lebe schon 18 Jahre alleine, ich habe zwei Kinder, fünf Enkelkinder, zwei Schwiegerkinder, die leben aber auch nicht vor Ort, aber das ist in Ordnung so. Ich bin persönlich mit meinem Leben eigentlich sehr zufrieden und nur darum kann ich, glaube ich, auch was abgeben. Ich denke, ich kann reden. Ich würde nie irgendwo, weiß ich nicht, putzen oder so was, das würde ich nicht machen.

Ich bin zu den Ambulanten Versorgungsbrücken über eine Anzeige gekommen, und seitdem rufe ich einmal in der Woche Menschen an, die gerne angerufen werden wollen.

Wir sind kein Krisentelefon, sondern ein Wohlfühltelefon. Da können wir uns über das Fernsehen unterhalten, über die Familie, über das Kochen. Mit einer Frau unterhalte ich mich auch sehr gerne über Bücher, und dann kommen auch Buchtipps, und dann kaufe ich mir das auch mal, und dann können wir uns darüber austauschen, oder bei der einen muss ich immer eine Fernsehsendung gucken, damit wir uns dann darüber unterhalten können, dann bekommt man dadurch eben auch mal an Dinge heran, was man sonst eben auch nicht machen würde.

Und dann gibt es auch welche, mit denen singe ich, sage ich immer: Was Christliches oder etwas Weltliches? Dann biete ich immer "Lobet den Herrn" oder "Die Gedanken sind frei" an.

Oft ist es das eben, dass auch die Angehörigen sagen, Muttern ist so einsam, die würde sich über einen Telefonanruf freuen, einerseits finde ich es schrecklich, aber man kann da eben auch nicht die Augen vor zu machen, so ist eben unsere Gesellschaft heute, dass eben Fremde das machen müssen, was eigentlich sonst die Familie geleistet hat. Obwohl - auch da gibt es welche, wo die Familie auch sehr viel leistet, aber die kennen natürlich die ganzen Geschichten. Das ist eigentlich immer wieder erschreckend, wie sehr die in der Vergangenheit leben und wie wenig der Blick nach vorne geht. Früher habe ich immer noch mal gefragt, haben Sie diese Woche noch was Schönes vor oder so, mache ich auch nicht mehr, weil sie es meistens auch nicht haben.

Text und Audio: EKN/Katja Jacob