Wenn man über Einsamkeit nicht sprechen kann

10. September 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Telefonseelsorge

Viele junge Menschen leiden unter Einsamkeit. Aber sie sprechen darüber nicht, weil sie sich schämen. Etwas leichter fällt es ihnen, über ihre quälenden Gefühle zu chatten, zum Beispiel mit der Telefonseelsorge. Darüber berichtet Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der Evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Martina Rudolph-Zellers Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Martina Rudolph Zeller. Ich leite die Evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart. Ich bin Sozialpädagogin und habe verschiedene therapeutische Zusatzausbildungen. Das Thema Einsamkeit taucht bei uns extrem oft auf. Am Telefon haben wir 22 Prozent aller Anrufer und Anruferinnen. Die erzählen von ihrer Einsamkeit von dem schrecklichen Gefühl der Einsamkeit. Junge Menschen melden sich per Chat bei uns und berichten von ihrer Isolation und auch Einsamkeitsgefühlen.

Wir haben bei den jungen Menschen nochmal ein spezielles Problem und zwar leben wir im Moment in ner Gesellschaft, in der es eigentlich keine Probleme gibt. Alle sind ziemlich cool und hip und schick und schön und, ich sag mal mit Schönheitsoperation und gebotoxt, und alles ist wunderbar. Wenn es jemandem nicht gut geht, dann gibt‘ s oft gar keinen Raum, um darüber zu sprechen. Also hoch schambesetzte Themen, Essstörungen, viel Selbstwertproblematik. Seh‘ ich gut aus? Bin ich beliebt? Gerade an den Universitäten ein unglaublicher Leistungs- und Konkurrenzdruck, Selbstverletzung – ganz großes Thema bei uns.

Also wir kriegen einen Chat vielleicht Nickname Träne 96 oder sowas, und die junge Frau sagt, ich hab hier das Rasiermesser liegen, ich habe einen unglaublichen Druck, mich selber zu ritzen. Und diese hoch schambesetzten Themen die finden manchmal auch nicht mal Worte. Das ist gar nicht auszusprechen, aber zu schreiben, das ist immer noch mal leichter möglich.

Wenn jemand beschreibt, dass er sich selbst verletzen will, dann nehmen wir das auf, aber arbeiten jetzt nicht total dagegen im Gespräch, weil auch die Handlungsverantwortung bleibt bei der Person selbst. Die Erfahrung ist, allein das mal zu besprechen und beschreiben zu können, was denn so quält, das erleichtert schon so, dass der Ritzdruck nachlässt, so nenne ich’s jetzt mal und es gar nicht zum Vollzug kommt.

Menschen, die unter Einsamkeit leiden, brauchen Unterstützung und Hilfe, und das könnte eine Beratung oder Therapie auch sein. Das kann die Telefonseelsorge nicht leisten. Aber wir sind so der erste Schritt einer positiven Gesprächserfahrung. Also die Telefonseelsorge hilft, indem sie zuhört. Wir können sie Einsamkeit natürlich nicht wegmachen, aber wir können sie lindern, indem wir einfach da sind für die Menschen.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt