Ein Gefühl von Ohnmacht im Jugendstrafvollzug

16. Oktober 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Engagement und Hilfe

Als Pfarrerin und Seelsorgerin im Jugendstrafvollzug hört Heike Richter täglich die Geschichten von jugendlichen Straftätern. Sie spricht mit ihnen über ihre Ängste und Sorgen. Dabei hört sie oft von Themen, bei denen sich die Jugendlichen unerhört, ja sogar ohnmächtig fühlen. Hören Sie Ihre Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Heike Richters Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Heike Richter, ich arbeite seit letztem November im Jugendstrafvollzug und einen Tag gehe ich auch noch ins Haftkrankenhaus und mache dort die Seelsorge.

Ich denke, die Jugendlichen beschäftigen eigentlich alle Fragestellungen, die normale Jugendliche auch beschäftigen. Sich unerhört fühlen ist ja, wie es ja auch schon im Wort steckt, so eine Gefühlslage. Manchmal fühlen sich Jugendliche ungerecht behandelt, manchmal fühlen sich Jugendliche ohnmächtig und das ist ein Gefühl, was ich gut nachvollziehen kann, weil es im Vollzug eben so ist, dass an vielen Stellen andere über mich entscheiden. Den Einfluss, den ich dadrauf nehmen kann, der ist oft nicht so groß, sondern ist eben dem System des Jugendstrafvollzugs geschuldet, ist Sicherheitsanforderungen geschuldet und so weiter. Also, die Jugendliche haben viele Zwänge, die durch den Strafvollzug da sind und in die sie sich einzufügen haben. Das ist so im Gefängnis. Also, ich sag immer: ‚ein Gefängnis ist kein schöner Ort zum Leben.‘

Und dementsprechend sind es auch immer Themen, die mit diesen Einschränkungen zu tun haben, aber auch Themen, die mit Partnerschaft zu tun haben, mit Lebensaussichten, aber auch Themen, die mit ihrer Straftat zu tun haben, die sich damit beschäftigen, wie nehmen mich andere denn wahr jetzt mit meiner Straftat. Wird mir das denn ewig anhängen? Weil das sind ja durchaus Fragen, die für die Zukunft ganz wichtig sein werden und da spielen dann durchaus biblische Themen, also Glaubensfragen, auch eine Rolle.

Manchmal ist ja auch ein biblischer Gedanke an der Stelle ganz hilfreich, um sich selbst dann zu verorten und einzuordnen. Also, zum Beispiel die Geschichte, wie ist das mit Straftätern mit der Stigmatisierung. Was sagt denn Kain und Abel, die Geschichte, dazu? Wie geht Gott damit um? Was wird mir da zugestanden, als Mensch, der ich Fehltritte gemacht habe. Oder wie geht Jesus mit Menschen um? Das sind durchaus auch Sequenzen, die in solchen Gesprächen eine Rolle spielen.

Text und Audio: Diakonie/Cathleen Heine