"Du musst dich mehr anstrengen, wenn du ausländisch bist"

19. Dezember 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration
  • Integration und Teilhabe

Ronai (23) ist Kurdin und Jesidin mit deutschem Pass. Auch wenn sie viele deutsche Freunde hat und sich als „perfekt integriert“ sieht, hat sie zum Beispiel bei der Jobsuche gemerkt: "Als Deutsche werde ich nicht akzeptiert". Hören Sie ihre Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Ronais Geschichte zum Nachlesen

Ich bin 23 Jahre alt, ich bin Managerin für Corporate Communication und arbeite jetzt in einem Konzern in der Nähe von Hannover. Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern kommen aber aus der Türkei, sind aber Kurden und dazu auch noch Jesiden, also keine Muslime. Das heißt: Wir sind verfolgt überall. Deswegen bin ich froh, dass wir hier sind.

Aber trotzdem sollte man nicht vergessen, wo man herkommt. Ich bin stolz trotzdem darauf, woher ich komme und was ich bin. Ich finde diese Vielfältigkeit einfach schön und dass ich sozusagen das Glück habe, auch meine Kultur ausleben zu können hier in Deutschland. Das ist nicht selbstverständlich.

Vorurteile gegenüber Deutschen

Es würde meine Eltern natürlich viel mehr freuen, wenn ich einen kurdischen Mann heirate als einen deutschen Mann, weil dann wäre es nicht ganz verloren, weil dann könnte ich mit meinem kurdischen Mann vielleicht noch auf Kurdisch sprechen und den Kindern Kurdisch beibringen.

Natürlich hat man selber auch Vorurteile, das muss man ja sagen, weil man lebt ja auch ein bisschen anders. Mein Vorurteil ist meistens: Ach, Ihr habt doch eh keinen Familienzusammenhalt. Dir ist doch egal, was mit deiner Cousine, deinem Cousin oder deinem Onkel ist. Da machst du dir doch eh keine Sorgen drüber.

Ich muss mich als Ausländerin mehr anstrengen

Ich habe ein sehr gutes Abi gemacht mit einem Eins-Komma-Schnitt und habe mich dann beworben für Stellen mit dualen Studiengängen. Ich habe es nicht verstanden, aber es ist so schwierig gewesen. Ich war immer unter den Top Fünf und am Ende wurde ich nie genommen und ich war immer die einzige Ausländerin. Was heißt Ausländerin - ich selbst sehe mich nicht als Ausländerin.

Es ist klar, selbst wenn ich es wollen würde, würde man mich doch niemals als Deutsche sehen oder auch akzeptieren. Du musst dich mehr anstrengen, wenn du ausländisch bist, wenn du anders aussiehst, wenn du anders heißt, musst du dich mehr anstrengen, um etwas zu erreichen.

Irgendwann denkt man sich, ok, gut, du tust alles, am Ende wird es sowieso nicht akzeptiert. Aber trotzdem sollte man es schätzen, dass man hier in Freiheit, Sicherheit, in Demokratie leben kann und das, denke ich, schätzen die meisten natürlich nicht.

Angst vor AfD und Fremdenhass

Ich persönlich habe momentan echt Angst, weil die AfD so stark wird. Ich habe Angst, dass die Menschen durch diesen Fremdenhass und durch diese Angst das auch auf integrierte Menschen projizieren und selbst die Leute dann in Gefahr bringen wie zum Beispiel mich.

Also jetzt mal ganz im Ernst, sollte so etwas passieren, so etwas ausbrechen: Wo soll ich denn hin? Ich könnte nicht in die Türkei, weil selbst da sind die Kurden nicht so herzlich willkommen. Ich könnte nicht in ein muslimisches Land, weil Jesiden nicht willkommen sind. Ich könnte natürlich auch die Sprache nicht, ich kann nur Kurdisch. Kurdistan gibt es aber nicht. Wo sollte ich denn dann hin? Dann wäre ich ja komplett verloren.

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape