Dietrich Klie, pensionierter Kriminalbeamter, engagiert sich für Gefangene

2. Juli 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Freiwilliges Engagement

Dietrich Klie (67) aus Eldingen bei Celle hat früher als Kriminalbeamter Menschen hinter Gitter gebracht. Heute besucht er sie dort und bereitet ihre Freilassung vor. 46 Jahre hat er bei der Polizei gearbeitet. Er hat es hauptsächlich mit Straftätern zu tun, die lange Haftstrafen absitzen und auf das Leben in Freiheit vorbereitet werden müssen. Hören Sie seine Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Dietrich Klies Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Dietrich Klie, ich bin jetzt 67 Jahre alt und bin als Kriminalbeamter pensioniert worden. Ich war 16 Jahre, als ich zur Polizei gekommen bin und ich hab mich da eigentlich ganz wohl gefühlt. Es war aber auch anstrengend. Sehr anstrengend. Bei extremen Dingen muss man natürlich auch extrem Überstunden machen können.

Dass man in vielen Fällen ein ganz großes menschliches Elend erlebt, dann kriegt man auch ein dickes Fell. Das dicke Fell wird immer dann weich, wenn man mit abscheulichen Dingen  zu tun hatte oder eben wenn die Opfer Kinder waren, das stimmt schon. Wenn man Maurer ist und baut ein Haus, dann ist das Haus fertig, bei der Polizei kann es durchaus sein, dass man also ein Jahr arbeitet und man hat im Grunde nichts erreicht.

Ich bin jetzt schon einige Jahre ehrenamtlich im Projekt Brückenbau tätig, um mich um Entlassene oder um Gefangene zu kümmern, die möglicherweise demnächst in Freiheit gelangen können. Es gibt immer ne Vorstellungsrunde und da erzähle ich das dann immer gleich, die meisten Gefangenen sind sehr reserviert, und man merkt , dass sie erst so langsam auftauen, egal, welchen Beruf man hatte.

In vielen Fällen ist es schon so, dass man sich Geschichten anhört, die so sein können, aber meistens nicht so sind - ich lasse mich nicht so leicht einwickeln.

Ich beteilige mich an offenen Abenden, oder Nachmittagen, da grillen wir manchmal zusammen, besuchen auch irgendwelche Museen. Ich war 35 Jahre bei der Polizei und hab also ständig ne Waffe getragen, das ist jetzt natürlich nicht mehr der Fall und das will ich auch gar nicht mehr. Wenn also ein Gefangener abhauen würde, dann würde ich die JVA anrufen und wenn es zu einer Situation kommt, wo andere in Gefahr kommen, würde ich mich natürlich schon einsetzen, aber das ist bis jetzt noch nicht passiert.

Aber ich sehe, dass viele mit ihrem Leben nicht klarkommen, dass sie dann meinetwegen die Miete nicht bezahlen, obwohl sie das Geld bekommen haben von irgendeiner staatlichen Einrichtung, und da ist Brückenbau sehr bemüht, diese Dinge auszugleichen, indem sie zum Beispiel Zahlungen leisten oder mit dem Freigelassenen irgendwelche Behörden aufsuchen.

Wenn man merkt, man hat drei Jahre oder vier Jahre sich um einen bemüht, und der wird dann wieder rückfällig, das ist also schon ganz schwer und ganz hart. Das ist so.

Text und Audio: EKN/Katja Jacob