Dieter Puhl: "Armut und Obdachlosigkeit in Berlin sind international"

15. März 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Wohnungslosigkeit

Dieter Puhl ist Einrichtungsleiter in der Ev. Bahnhofsmission am Zoologischen Garten in Berlin. Er vertraut bei der Arbeit mit Obdachlosen auf die Hilfe von Jesus - und der Berliner Politik. Hören Sie seine Geschichte. 

Zuhören statt verurteilen!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Dieter Puhls Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Dieter Puhl, ich bin Einrichtungsleiter in der Ev. Bahnhofsmission hier in Berlin am Bahnhof Zoo. Wir sind ein Laden, der 24 Stunden am Tag auf hat, jeden Tag 600–700 obdachlose Gäste begrüßt, diese niedrigschwellig versorgt. Wir versuchen, Menschenleben zu retten, sie sollten hier etwas Gutes zu essen kriegen, es sollten Kolleginnen und Kollegen da sein, die sich um ihre Seele kümmern. Ihre Füße, die ihnen abfaulen, sollten verbunden werden. Nebenan ist vor 2 Jahren ein tolles Hygiene-Projekt entstanden.

Circa 80 Prozent unserer Gäste sind obdachlose Menschen, die aus über 90 verschiedenen Ländern kommen, Armut in Berlin ist schon lange sehr international. Diese Einrichtung lebt davon, dass Jesus 24 Stunden am Tag mitarbeitet, deshalb kann ich heute Abend zum Beispiel ganz entspannt nach Haus gehen um 19:00 Uhr, weil ich sage: Jesus, ich leg dir das in Deine Hände und Du wirst für den Laden sorgen.

Wenn wir uns mal anschauen, dass viele Menschen aus Osteuropa kommen, dann kann ich Ihnen sagen, das sind Menschen, geprägt von einer großen Frömmigkeit, die sich hier sogar freuen, ein Stückchen von Gottes Botschaft vermittelt zu kriegen, die ihnen vertraut ist im Leben. Muslimische Gäste wertschätzen, dass wir hier formulieren können, an wen und was wir und wie wir glauben. Das ist denen überhaupt nicht fremd. Es gibt hier einen ganz stillen Pragmatismus, wenn Sie herkommen, wir haben gar keine Zeit, uns zu streiten, sondern Sie gehen an die Geschirrspülmaschine und müssen arbeiten, Sie müssen Stullen schmieren. Über dies gemeinsam Tun lernen wir uns kennen, wenn wir Glück haben, meisten passiert das auch, lernen wir uns sogar wertschätzen.

Hier entscheiden wir auch - wie werden wir in Deutschland und Berlin… Berlin ist immer so ein bisschen die Speerspitze der Bundesrepublik… kommen wir wirklich friedlich miteinander klar, hauen wir uns auf die Mürtze, fahren wir alle die Ellbogen aus, oder nehmen wir uns doch in den Arm und sagen: Wir sind alles kleine arme Menschenkinder und haben eine Seele.

Politiker erlebe ich in der Bahnhofsmission als Menschen mit Seelen, die hier mitarbeiten. Und weil Politiker Seelen haben und sie hier zeigen dürfen, erhalten wir aktuell enorm viel politische Unterstützung. Das bezieht sich auf Berlin. Von der Bundespolitik hätte ich knallharte andere Wünsche: Liebe Leute, eine Gesamtstatistik wäre toll: Wie viele obdachlose Menschen haben wir denn in der Bundesrepublik? Können Sie mir einen Bundespolitiker sagen, der federführend seit 20 Jahren in der Obdachlosenhilfe tätig ist? Er wird Ihnen nicht einfallen. Und solange das noch nicht so ist, dass tatsächlich starke Lobbyistenarbeit gemacht wird, solange wird sich bundesweit relativ wenig bewegen in einer Obdachlosenpolitik.

Interview: Diakonie/Barbara-Maria Vahl, Schnitt: Diakonie/Maja Schäfer