„Die Medien wollen uns bei der Flüchtlingspolitik gezielt beeinflussen“

14. November 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration

Andrea Wiemann (44), dreifache Mutter und Werbefachwirtin aus Berlin, wohnt neuerdings neben einem Flüchtlingsheim. Mit ihren Sorgen und Fragen fühlt sie sich allein gelassen. Hören Sie ihre Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Andrea Wiemanns Geschichte zum Nachlesen

Meine größte Sorge ist die Flüchtlingspolitik in Deutschland. Das meine ich jetzt nicht in Bezug auf die Flüchtlinge als Menschen. Ich sehe das große Problem im Verhalten der Politiker und der Medien. Die Medien berichten nicht objektiv, sondern versuchen gezielt, die Menschen mit ihrer Berichterstattung zu beeinflussen, sowohl was ihre Meinung als auch das Wählerverhalten betrifft. Gehört und ernst genommen fühle ich mich von beiden nicht mehr.

Neben unserem Haus hinter der Schule ist ein großes Flüchtlingsheim entstanden und da gab es, bevor das gebaut wurde, Bürgerversammlungen, wo ich hingegangen bin und versucht habe, mitzureden und mit Fragen zu stellen und da habe ich bemerkt, dass das gar nicht so gewünscht ist, dass eigentlich von der Politik der Bürger versucht wird kleinzuhalten, ist mir da aufgefallen.

Das war gewesen, nachdem die Vorfälle in Köln in der Silvesternacht waren, und ich habe dann zum Beispiel die Frage gestellt: "Dieses Flüchtlingsheim ist unmittelbar vor einer Oberschule. Nun gab es ja Vorkommnisse mit sexuellen Übergriffen. Wie sieht es denn aus, wie ist denn sichergestellt, dass unsere Mädels geschützt sind?" Die Antwort, die war unglaublich, weil mir wurde gesagt, dass das total überbewertet ist und das ist alles überhaupt nicht so und das wird alles nur hochgehypt. Vielmehr war die Antwort, müssen die Flüchtlinge vor uns geschützt werden und deswegen wird es dort einen Zaun geben.

Wir haben dann an einer zweiten Demonstration bewusst teilgenommen und das war eine Demonstration gegen die Politik von Frau Merkel. Und dann gab es aber an den Absperrungen die linken Gegendemonstranten und die sind abgegangen wie eine Rakete. Das war unglaublich. Wir sind wirklich ganz friedlich da langgelaufen und sind von Passanten, die am Straßenrand standen, beschimpft worden als Nazis und Rassisten, obwohl die überhaupt gar nicht unsere Meinung kennen, sondern wir haben einfach gegen die Politik von Frau Merkel demonstriert. In der Zeitung steht dann die Überschrift: Krawalle auf der Demo, aber das stimmte gar nicht.

Als Christin ist es für mich selbstverständlich, dass Menschen geholfen wird. Aber helfe ich Menschen, indem ich einfach alle unkontrolliert reinlasse? Ist das wirklich Hilfe? Ich erkläre das meinen Kindern immer so, dass ich sage: Stellt Euch vor, ich mache die Haustür auf und sage, sollt mal alle reinkommen. Dann kommt der erste und sagt: "Hey, herzlich willkommen, schön, dass du da bist. Wer bist du denn?" Dann kommt der zweite, der dritte. Irgendwann bekomme ich gar nicht mehr mit, wer ist jetzt gekommen. Irgendwann ist auch die Kapazität erschöpft. Ich kann keinem mehr etwas zu essen und zu trinken anbieten, weil ich habe dann eben auch gar nichts mehr. Es ist einfach supervoll. Ist das richtig, helfe ich damit den Leuten? Es geht nicht darum, ob man helfen möchte oder nicht helfen möchte, sondern was ist sinnig zu helfen.

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape