"Das Urteil zu verkünden, fällt oft schwer"

5. Mai 2020
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Familie und Kinder

Johannes Dellit ist Richter in Landau. Aus seiner Zeit als Strafrichter weiß der 35-Jährige, wie schwer es sein kann, ein Urteil zu verkünden. Denn man bestrafe nicht nur die Straftäter, sondern oft  auch die Angehörigen, vor allem die Kinder. Hören Sie seine Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden – auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Johannes Dellits Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Johannes Dellit. Ich bin 35 Jahre, bin von Beruf Richter und wohne in Landau in der Pfalz.

Ich würde sagen, dass es im Gericht gerecht zugeht, ja. Wenn allerdings nicht ich gefragt würde, sondern irgendjemand, der bei mir war, würde derjenige, jedenfalls, wenn er den Rechtsstreit verloren hätte, das möglicherweise anders sehen.

Ich bin ja im Moment nicht im Strafrecht tätig. Das heißt, ich entscheide letztlich Fälle, in denen eine Person sich mit einer anderen streitet. Im Strafrecht ist es ja anders. Da wird der Strafanspruch des Staates umgesetzt.

Das habe ich auch ne Zeit gemacht, Strafrecht, und da ist es tatsächlich so, dass es oft schwerfällt, das Ergebnis zu verkünden, weil man zum einen sieht, ok, das Recht will diese Rechtsfolge, und es ist auch notwendig, diese Rechtsfolge zu verhängen, andererseits natürlich Dinge dranhängen. Beispiel: man muss eine mehrfach auffällig, straffällig auffällig gewordene alleinerziehende Mutter zu einer Freiheitsstrafe verurteilen, weil die bisherigen Geldstrafen beispielsweise nicht gefruchtet haben, oder weil de facto einfach die Geldstrafe nicht verhängt werden kann, weil sie die Rechtsordnung nicht mehr verteidigt, so heißt es im Gesetz. Und da ist es natürlich so, dass man sich vorstellt, ja was hängt da jetzt hinten dran, wenn diese Person diese Freiheitsstrafe antreten muss. Das Gesetz gibt da natürlich Möglichkeiten. Man kann versuchen, erstmal mit ner Geldstrafe zu reagieren, dann ne Strafe zu verhängen, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann, aber irgendwann dann halt nicht mehr.

Man hat dann häufiger mal das Gefühl, dass man eben nicht nur die bestraft, die jetzt die Straftat begangen hat, sondern auch diejenigen, die hinten dranhängen. Typischerweise die Kinder.

Das fällt dann schwer. Das fällt schwer, das in dem Moment zum einen den Leuten auch sagen zu müssen, aber es fällt einem auch selbst schwer, dass das das Ergebnis ist, ja.

Wenn ich gefragt werde, wo ich mich selbst sehe, ob eher auf die Kampagne bezogen, da oben zugehörig oder da unten zugehörig, würde ich differenzieren. Also das Amt wird sicher von den anderen als oben zugehörig wahrgenommen. Das ist auch richtig in Bezug auf das Amt. So würde ich auch mein Amt selbst sehen. Allerdings auf die Person bezogen würde ich mich jetzt nicht in die Kategorien die da oben oder die da unten einteilen lassen wollen.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt