Christine Spio: "Es ärgert mich, dass psychisch Kranke nicht ernst genommen werden"

12. April 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Psychische Erkrankungen

Christine Spio (63) hat schon fünf Herzinfarkte überlebt und ist psychisch krank. Von ihrer Rente sollte nicht so viel Pflegegeld abgezogen werden, meint sie.

Christine Spio ist Rentnerin. Als junge Frau hat sie in Schwäbisch Hall Brillen hergestellt. Später war sie in der Army in den USA. Nach ihrer Scheidung kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie ist körperlich und psychisch krank und wünscht sich, dass psychisch kranke Menschen ernst genommen werden. Außerdem sollten von ihrer Rente weniger Beiträge für Pflege und Krankenkasse abgezogen werden.

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Christine Spios Geschichte zum Nachlesen

Ich bin Christine Spio. Ich bin  63 Jahre alt. Ich wohne in Stuttgart Nord, habe vier Kinder, erwachsene, hab zwei Enkelsöhne, hab eine Enkeltochter. Ich habe Brillen hergestellt beim Brillen Menrad in Schwäbisch Gmünd. Da habe ich mit 14 Jahren als ich aus der Schule kam 1969 angefangen, habe etliche Jahre dort gearbeitet, habe auch gedolmetscht auf englisch.

Gott sei Dank war ich bei der Armee. Ich konnte perfekt englisch, was mein Mann als Amerikaner gar nicht konnte, weder schriftlich, weder mündlich. Ich habe in Amerika in Washington Staat Tacoma Base in Fort Louis gearbeitet und in Tacoma habe ich gewohnt. Ich war so etwas wie Obergefreiter. Das war zwischen 84 und 85. Und Ende 85 habe ich meine Kinder gepackt und bin zurückgekommen.

Ich bin nervlich krank, weil ich eine Scheidung hinter mir habe. Ja ich bin zweimal vergewaltigt worden von meinem Exehemann.

Ich krieg Rente, und die Rente ist zwar schon höher als bei manchen, aber, jetzt kommts, wenn man 500 Euro abzieht von Tausendungrad, 1067 jetzt, mir bleiben im Monat 400 Euro. Damit muss ich zurechtkommen. Und das ist recht und schlecht. Ich komme schon so grad noch hin. Manchmal hilft einer von meinen Kindern, unterstützt mich manchmal.

Ich bräuchte eine andere Wohnung ganz dringend, weil mein Mieter über mir, der kifft Drogen den ganzen Tag und Nacht, und das zieht bei mir in die Wohnung rein, und ich hab Atemnot, auch dazu, weil ich minimal Lungenfunktion hab, hab fünf Herzinfarkte hinter mir. Bei dem fünften bin ich gerade noch so von der Schippe gesprungen.

Und dann kommen ja auch die privaten, seelischen Notstände auch. Ich bin sehr gläubig, aber trotzdem. Dann habe ich viele Tote in meiner Familie undsoweiter. Das zehrt auch an mir.

Es ärgert mich allgemein, dass psychisch Kranke nicht ernst genommen werden und dann mit Tabletten zugedröhnt werden, egal welche Nebenwirkungen, dass man rumläuft wie ein Zombie.

Ich wünsche mir von der neuen Regierung, dass von den Rentnern und Rentnerinnen weniger Pflegegeld verlangt wird, Krankenkassengeld abgezogen wird. Der andere Wunsch wäre, dass das mit meinem neuen Bekannten klappen würde, dass wir zusammenkommen und zusammenbleiben.

 

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt