Bernd Kappes: "Wir leben wie auf der Titanic"

11. Oktober 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Flucht und Migration
  • Armut und Arbeit

Bernd Kappes aus Kassel hat schon viel Armut auf der Welt gesehen. Der 46-Jährige arbeitet für die Ausbildungshilfe, die Bildungsprojekte in Asien und Afrika unterstützt. Ihm bereitet Sorge, wie wir uns im reichen Europa vor dem Klimawandel und den damit zusammenhängenden steigenden Flüchtlingszahlen abzuschotten versuchen. Hören Sie seine Geschichte.

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Bernd Kappes' Geschichte zum Nachlesen

Wir leben hier ein Leben auf der Titanic. Wir leben auf dem Oberdeck und feiern hier unsere Partys und machen es uns schön und gemütlich und nett und gleichzeitig steht den Menschen auf dem Unterdeck das Wasser schon bis zum Hals. Das ist mein Bild. Wir Menschen auf dem Oberdeck sind aber wenig in Kontakt mit den Menschen im Maschinenraum.

Mir macht es Sorge, dass sich die globale Ungleichheit weiter verschärft, dass Länder, Regionen total abgehängt bleiben, während wir hier versuchen, unsere Privilegien zu sichern. Ich glaube, dass das langfristig nicht gut gehen wird.

Der Klimawandel wird definitiv dazu führen, dass mehr Menschen auf der Flucht sein werden in Zukunft. Die Klimakrise wird vor allem die Armen treffen, trifft schon jetzt die Armen vor allem. Wir werden mit größeren Flüchtlingszahlen zu tun haben. Wir beobachten jetzt - das macht mir auch Sorgen, dass ich so machtlos bin und dem nur zugucken kann, wie unsere Politiker daran arbeiten, wirklich Europa abzuschirmen vor der Armut in dem Rest der Welt.

Wir sollten dieses Problem angehen. Also den Klimawandel ernsthaft angehen, nicht mit Scheinlösungen, sondern wirklich: Wir müssen unseren Lebensstil ändern, nachhaltiger leben, auf kleinerem Fuß leben, unser ökologisches Konto nicht dermaßen überziehen wie wir es im Moment machen. Das wären die Themen, die wir bearbeiten müssten - statt nur daran zu arbeiten, wie wir Europa zu einer Festung, zu einer noch krasseren Festung machen.

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape