Bei Corinna Langenstein sind alle Kinder Gewinner

20. Juni 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Familie und Kinder

Corinna Langenstein ist Schulsozialarbeiterin bei der Mobilen Jugendarbeit in Stuttgart. Bei ihr lernen Kinder, dass man schwere Sachen am besten im Team schafft. Und sie schaut genau hin, wenn Kinder Symptome häuslicher Gewalt zeigen. Hören Sie ihre Geschichte!

Zuhören statt verurteilen

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Corinna Langensteins Geschichte zum Nachlesen

Ich heiße Corinna Langenstein und bin 38 Jahre alt und arbeite in Stuttgart Ost bei der Mobilen Jugendarbeit und mache momentan Schulsozialarbeit an zwei Grundschulen. Meine Hauptschwerpunkte in der Arbeit sind Projektarbeit in den Klassen, vorwiegend so Präventionsangebote und Einzelhilfe mit einzelnen Schülern.

Wir oder ich suche mir dann schon spezielle Aufgaben raus, die ein bisschen schwierig sind, weil die sollen ja nicht so einfach gelöst werden. Wir wollen ja die Kinder vor eine kleine Herausforderung stellen und so’n bisschen gucken, wie arbeiten die denn zusammen. Da gibt es verschiedenen Sachen. Zum Beispiel da werden Dinge transportiert von A nach B, und die Kinder müssen das dann gemeinsam schaffen, auch Dinge, wo man irgendwie vielleicht einen bestimmten Raum durchqueren muss, ohne den Boden zu berühren mit irgendwelchen Hilfsmitteln, und das sind auch immer Sachen, wo es darauf ankommt, dass die Kinder sich gegenseitig helfen und Dinge, die man nur gemeinsam schaffen kann.

Das sind oft die Sachen, wo die Kinder positiver rausgehen, wo es keine Gewinner und Verlierer gibt. Und für die Kinder ist das oftmals ganz neu, sogar für die Kinder, die aus dem Kindergarten kommen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie ganz überrascht sind,  wenn ich sie dann konfrontiere mit einem Spiel. Das können sie sich erst gar nicht erklären, dass hier gar keiner verloren hat, dass alle gewonnen haben. Und das fühlt sich dann plötzlich so anders an.

Mit einzelnen Klassen mache ich Klassenrat. Da können die Kinder ihre Themen besprechen und sich da selber einbringen. Manche kommen, wenn es Schwierigkeiten gibt mit der Klasse, mit den Mitschülern oder vielleicht auch mal mit einem Lehrer. Relativ viele kommen, wenn es Probleme zu Hause gibt, mit Eltern oder mit Geschwistern. Dann gibt es Familien, wo es oft Streit gibt, wo Probleme halt nicht durch Diskutieren gelöst werden, sondern manchmal auch Gewalt und wo die Kinder sich einfach unwohl fühlen zu Hause, wo sie Hilfe brauchen und wo die Eltern auch Hilfe brauchen und wo man dann gemeinsam gucken kann, wie kann man die Familie unterstützen, dann natürlich auch zusammen mit den Lehrern, wenn die Kinder das wünschen, dass man gemeinsam eine gute Lösung findet für die Familie. Das kommt schon immer wieder vor, dass Eltern dann natürlich auch wütend sind und Eltern sich dann auch beschweren wollen über uns, weil wir auch mit den Kindern über Dinge gesprochen haben, die zu Hause vielleicht im Argen liegen. Vielleicht erzählen die Kinder, dass sie zu Hause geschlagen werden, wenn sie irgendwas falsch gemacht haben oder dass es viel Streit gibt zu Hause, oder dass zu Hause eine Situation eskaliert ist, manchmal auch zwischen älteren Geschwistern und dem Vater und dass dann die Polizei kommen musste.

In der Schule muss das auch einfach gemeinsam funktionieren, da muss man auch gemeinsam immer wieder dran denken und die Augen auch offen halten und dann auch mal ein Kind fragen, wenn es verletzt in die Schule kommt „was ist denn da passiert?“ Und wenn es da keine eindeutige Erklärung gibt, ist das eigentlich schon so’n bisschen ein Alarmzeichen, dass man da noch mal nachhaken muss. Und wenn die Eltern nicht informieren und ein verletztes Kind schicken, und wenn das Kind das nicht erklären kann, ist das schon komisch.

Ich glaube nicht, dass es mehr Gewalt gibt, aber es ist so dass es in Stuttgart viel mehr Inobhutnahmen gibt. Ich denke, dass es mitunter daran liegt, dass mehr hingeguckt wird und genauer hingeguckt wird.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt