Annette Mangold :"Wir nehmen in Kauf, dass die Leute krank werden."

29. November 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!

Annette Mangold aus Stuttgart fühlt sich manchmal ohnmächtig, wenn sie erlebt, wie leichtfertig Menschen Kleidung einkaufen und wegwerfen, ohne auf die verheerenden Folgen für unser Leben zu achten. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Zuhören statt verurteilen

Mit "UNERHÖRT!" wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden - auch wenn sie Widerspruch herausfordert. Es lohnt sich zum Beispiel, sehr genau hinzuhören, warum sich Menschen von der offenen Gesellschaft distanzieren. Auch sie sind Teil unserer freien und offenen Gesellschaft und können sie mitgestalten, für sie eintreten. Wir sind überzeugt: Zuhören und Streiten hilft hier weiter, und weder Zuhören noch Streiten ist einfach.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 läuft, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen als Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe.

Annette Mangolds Geschichte zum Nachlesen

Mein Name ist Annette Mangold. Ich habe zwei Kinder, lebe in Stuttgart und bin Logopädin.

Ich fühl mich manchmal sehr ohnmächtig, wenn ich merke an wie vielen Stellen was schief läuft und ich die Zusammenhänge erkenne, ich aber merke, wir können da dagegen eigentlich gar nichts tun.

Also wenn ich mir anschaue, wie zum Beispiel das Kaufhaus Primark, wie die agieren und was denen wichtig ist, dann stell ich fest, dass da T-Shirts in einer so minderen Qualität hergestellt werden mit Kinderarbeit, und die Halbwertszeit von so einem T-Shirt so gering ist, dass das mittlerweile nach dem Motto "Wegschmeißen statt waschen" da  verfahren wird. Um bestimmte Preis zu halten, werden Textilien mittlerweile verbrannt, weil mit der Fast Fashion es nur noch darum geht, schnell viel zu verkaufen. Und die Arbeitsbedingungen von den Leuten, die die Kleider herstellen sind katastrophal.

Wir nehmen in Kauf, dass die Leute, um uns billige Produkte herzustellen, krank werden. Wir nehmen in Kauf, dass wir Ressourcen, von denen wir nicht unendlich haben, einfach verschleudern. Wir nehmen in Kauf, dass unser Klima belastet wird, und diese Zusammenhänge, dass sowohl die Herstellungskosten für unsere Kleidung, als auch die Feinstaubbelastung in der Stadt, dass diese Dinge ganz oft zusammenhängen und immer irgendwelchen wirtschaftlichen Diktaten folgen, das sind Bedingungen, denen wir eigentlich hilflos ausgeliefert sind.

Ein Großteil der Bevölkerung interessiert sich für diese Zusammenhänge nicht. Bei Primark muss niemand einkaufen. Die Kleider kosten hier vergleichsweise wenig, dass sich das eigentlich alle leisten können. Die Mentalität, nach mir die Sintflut, Hauptsache, ich hab jetzt noch ein schönes Leben, das ist eine Grundeinstellung, die ich oft feststelle und die mich sehr belastet.

Das erleb ich bei kleinen Kindern schon, dass im Kindergarten dieses Empathieempfinden nicht bei allen Kindern ausgebildet ist. Dass ein Kind eine Biene tottritt, hat damit zu tun, dass auch die Eltern keine Wertschätzung dem Kind mehr vermitteln, dass da gar nicht mehr Wert drauf gelegt wird auf den Lebensraum von anderen Lebewesen. Diese Zusammenhänge, wir brauchen diese Biene, damit ich morgens mir ein Honigbrot schmieren kann, , dieses Tier hat mit mir was zu tun, diese Beziehungen, die sind überhaupt nicht mehr klar.

Text und Audio: Diakonie/Justine Schuchardt