Anneliese Samson (84) vermisst die Arbeit bei der Tafel

2. Juli 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Armut und Arbeit

Anneliese Samson ist 84 Jahre alt und lebt mit ihrem 56-jährigen, nierenkranken Sohn Holger in Pestinghausen, ein Dorf bei Bremen. Eins ihrer drei Kinder ist schon verstorben. Zu ihrer Witwenrente in Höhe von 600 Euro erhält sie eine eigene Rente von 249 Euro. Sie kocht noch selbst und bekommt einmal in der Woche Hilfe beim Duschen. Hören Sie ihre Geschichte!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Andere Menschen wiederum engagieren sich mit viel Zeit und Leidenschaft in ihrer Familie, ihrem Beruf oder ehrenamtlich und sind dabei oft am Limit. Diese Alltagshelden tragen erheblich zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, stehen jedoch selten im Licht der Öffentlichkeit. Auch sie kommen in unserer Kampagne zu Wort, damit sie mehr Beachtung finden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Anneliese Samsons Geschichte zum Nachlesen

Ich heiße Anneliese Samson, wohne in Pestinghausen und bin 84 Jahre alt.

Ich war bei der Tafel. Bis vor zwei Jahren habe ich da gepackt. Ware ausgegeben, Lebensmittel und was so anfiel. Das war sehr schön. Und das vermisse ich auch. Die ganzen Kollegen, alles. Das war ganz harmonisch. Gab's kein Streit  - das war schön.

Ja, ich bin immer nur Hausfrau gewesen, wollte damals nen Beruf lernen, aber das wollten meine Eltern nicht, ich musste im elterlichen Hof bleiben, wir hatten eine Landwirtschaft dabei, dann mussten wir denn heuen und hacken und sowas. Das war damals so, man musste ja noch hören, ne. Heute machen die Kinder, was se wollen. Lachen. Ist vielleicht auch gut so.

Ja, heute lebe ich hier. Mit meinem Sohn. Ist Dialyse-Patient und 56. Ist unverheiratet und da hab ich ihn hier bei mir. Meine Schwägerin, meine Nichte, die kommt denn mal, das is es denn ooch. Und einmal in der Woche bekomme ich Unterstützung beim Duschen. 

Finanziell habe ich ja nicht so viel Geld, aber es geht, ich komm rund. Muss ich. Ich bekomme von mir aus 249 Euro. Und die Witwenrente. 600. Zeitschriften kriege ich von meine Schwägerin. Was ich nich kaufen kann, das lass ich weg. Mal Kleidung, nich, das wär auch mal ganz schön, und ich müsste hier eigentlich nen neuen Fußboden haben, aber das ist nicht drin.

200 Euro so, könnte man schon büschen was mit anfangen. Große Wünsche habe ich nicht mehr. Die Sorge ist, dass Holger versorgt ist, und dass ich nicht bettlägerig werde. Das ist mein Wunsch.

Text und Audio: EKN/Katja Jacob