Anja (30): "Gebt mir eine Wohnung, dann geh ich auch arbeiten"

13. März 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!
  • Wohnungslosigkeit

Mit ihrem Welpen lebt Anja (30) unter einer Brücke am Zoologischen Garten in Berlin. Sie würde gerne in ihrem Beruf als Tierpflegerin arbeiten, aber ohne Wohnung bekommen sie keinen Job. Hören Sie ihre Geschichte.

Zuhören statt verurteilen!

Diese Geschichte ist Teil der Kampagne UNERHÖRT! Damit wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

Manche Geschichte fordert Widerspruch heraus. Zuhören bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Und nicht alles, was erzählt wird, entspricht unserem Menschenbild oder den Positionen der Diakonie. Darüber müssen wir reden - denn häufig steckt hinter einer Geschichte eine existenzielle Notlage.

Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

Anjas Geschichte zum Nachlesen

Ich heiße Anja. Ich lebe unter der Brücke direkt vor dem Ullrich [Supermarkt] in der Hardenbergstraße am Zoologischen Garten. Ich hatte ein schwieriges Elternhaus, Stress mit meinem Vater, Mutter gestorben und dann bin ich abgehauen mit 12 Jahren. Ich lebe seit fast 19 Jahren jetzt auf der Straße. Meine Lunge ist kaputt durch den Husten, verschleppte Lungenentzündung, mein Knie ist kaputt, weil ich da gestürzt bin mit dem Fahrrad... hier vorne, war Glatteis.

Im Moment ist das Wetter eigentlich ganz gut, nicht sehr kalt, also es geht. Minus 9 Grad in der Nacht. Es kommt immer ein sehr netter Mann von der Diakonie aus Potsdam und bringt uns Wärmflaschen und heißen Tee und durch die Wärmflasche ist der Schlafsack warm und dann geht das. Es kommt auch manchmal eine ältere Dame vorbei, die bringt uns Croissants und belegte Brötchen, Kaffee, Cappuchino, Kakao. Das sind immer dieselben Leute, die kennen uns schon und sind sehr nett. Die finden meinen Welpen total süß und wollten ihn mir schon abkaufen für 500 Euro, da hab ich gesagt, gibt's nicht! Manche Leute sind sehr nett, zuvorkommend, geben auch gerne Sachen oder reden einfach mit einem, was auch schon schön ist. Ich krieg so 30, 40 Euro am Tag, damit komme ich gut klar mit Tabak, Trinken, Essen, Hundefutter. Aber manche Leute gucken einen so an nach dem Motto: Ey, du Penner, was machst du hier, geh arbeiten!

Ich meine: Ja, gib mir eine Wohnung, dann geh ich arbeiten! Wir sind gerade dabei, eine Wohnung zu suchen über das Jobcenter. Denn Hartz IV kriege ich jetzt glücklicherweise, ich habe einen neuen Ausweis geschafft. Es ist halt schwierig, mit einem Hund und einem polnischen Mann, der keine Papiere hat, eine Wohnung zu finden. Und wenn man keine Wohnung hat, kriegt man keine Arbeit. Und wenn man keine Arbeit hat, kriegt man keine Wohnung. Das ist halt dieser Kreislauf.

Mein Traumleben in fünf Jahren: Dass ich eine eigene Wohnung habe, ein, zwei Kinder, verheiratet bin, ein normales Arbeitsleben habe und ein normales Familienleben. Ich habe einen Realschulabschluss und habe Tierpfleger gelernt. Die Politiker könnten die leerstehenden Häuser, die nicht abrissbedürftig sind, für die Obdachlosen renovieren, soweit dass man drin wohnen kann, und dann die Obdachlosen da reinsetzen, sodass die Arbeit finden. Das würde mehr helfen als die Häuser abzureißen.

Audio: Diakonie/Barbara-Maria Vahl, Schnitt: Diakonie/Maja Schäfer