20. August: UNERHÖRT!-Forum in Syke

20. August 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!

Die zweite Woche der Sommerreise führt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie aufs flache Land: In Syke im Landkreis Diepholz besucht er die Tafel und diskutiert beim UNERHÖRT!-Forum über "Gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt - Land - Schluss?".

Im Gärtchen um das Einfamilienhaus Am Feuerwehrturm 3 grünt und blüht es. Viele der Menschen, die hierherkommen, haben meist keinen Blick für die floralen Schönheiten. Sie haben andere Sorgen und Bedürfnisse. Seit 13 Jahren verteilen hier bei der Tafel Syke Ehrenamtliche Lebensmittelspenden an Bedürftige. 1.600 Menschen kamen 2017 zu den drei Ausgabestellen im Landkreis Diepholz, darunter 600 Kinder, Tendenz steigend.

Erster Tafelbesuch ist eine hohe Hürde

Seitdem 2015 die vielen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, habe sich die Zahl der Kinder bei der Tafel verdreifacht, erzählt Jutta Meyer, Verwaltungskraft bei der Syker Tafel. Meyer ist zuständig für die Wirtschaftlichkeitsprüfung: Denn nur wer Hartz IV bezieht oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, wer Geringverdiener ist oder wessen Rente zum Leben nicht reicht, bekommt einen Tafelausweis und darf einmal die Woche Lebensmittel von der Tafel holen. Für die meisten Menschen sei der erste Tafelbesuch eine hohe Hürde. Vor allem die Älteren schämten sich, auf "Fürsorge" angewiesen zu sein.

Armut auf dem Land

Stadt - Land - Schluss? - darüber diskutierte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie mit Lokalpolitikerinnen, Kirchenvertretern, Wissenschaftlerinnen und Gästen im Syker Gemeindehaus. Trotz Wirtschaftswachstum und geringer Arbeitslosigkeit sei das Armutsrisiko in Deutschland mit knapp 16 Prozent sehr hoch, sagte Gerhard Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Größtes Problem sei es, aus der Armut wieder herauszukommen. Eine Untersuchung seines Instituts habe ergeben, dass Armut auf dem Land stärker sichtbar sei als in der Stadt. "Im Dorf ist man ständig unter Beobachtung, das beschämt und macht es schwer diese Armut auszuhalten", betonte Wegner.

Mangelnde Infrastruktur

Eine große Herausforderung für arme Menschen auf dem Land sei vor allem die Mobilität, erklärte Präsident Lilie. Ohne eigenes Auto seien die meisten auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Schon die einfachsten Erledigungen - sei es der Einkauf im Supermarkt, der Besuch von Schule und Ausbildungsstätten, Ärzten und Behörden - sei für sie ein unüberwindbares Problem, bestätigten alleinerziehende Mütter und Flüchtlinge. Sie müssten oft stundenlange Anfahrten mit Bussen oder mit dem Fahrrad in Kauf nehmen. Lilie: "Die Herausforderungen werden wir nur gemeinsam und mit kreativen Ideen meistern, das 21. Jahrhundert wird daher das Jahrhundert der Zusammenarbeit sein. Dafür brauchen wir nicht nur die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft."

Text: Diakonie/Ute Burbach-Tasso

Die UNERHÖRT!-Foren

Das Thema der bundesweiten UNERHÖRT!-Foren sind sozialpolitische Brennpunkt-Fragen. 2018 steht die Sommerreise des Diakonie-Präsidenten Ulrich Lilie im Zeichen der UNERHÖRT!-Tour. Die Reise führt vom 14. und 22. August einmal quer von Süd nach Nord: Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Syke, Wilhelmshaven, Hamburg. Die Veranstaltungsreihe zur Kampagne findet in Kooperation mit Landes- und Fachverbänden, diakonischen Einrichtungen und der Diakonie Deutschland statt.