15. August: UNERHÖRT!-Forum in Frankfurt

15. August 2018
  • Kampagne UNERHÖRT!

Die zweite Station der Sommerreise führte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie nach Frankfurt am Main. Hier besuchte der Diakonie-Präsident die Einrichtung "Lilith - Wohnen für Frauen", ein so genanntes Übergangswohnheim der Diakonie für wohnungslose Frauen.

Ulrich Lilie nimmt sich Zeit und will mehr über wohnungslose Frauen wie Binnur Sogukcesme und deren Geschichten erfahren. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt war es Frau Sogukcesme (50) zunächst nicht gelungen, wieder Fuß zu fassen. Die Entscheidung in das Wohnheim der Diakonie zu ziehen, hat ihr die Basis gegeben, ihr Leben neu zu ordnen. Mehr zu ihrer Geschichte im Audio-Interview:

Frau Sogukcesme zieht nach 1 Jahr und 9 Monaten im Haus Lilith endlich wieder in eine eigene Wohnung. Nach 300 vergeblichen Bewerbungen ist es der gelernten Sekretärin gelungen, über eine Zeitarbeitsfirma wieder Arbeit zu finden. Im Rahmen des UNERHÖRT!-Forums spricht Ulrich Lilie auch mit Frau Mehri Farzan, Leiterin der Einrichtung, die im Audio-Interview über ihre Arbeit im Haus Lilith berichtet.

Ulrich Lilie: "Wohnungslose Frauen wissen, dass sie auf der Straße nur schwer überleben können. Deshalb suchen sie nach Lösungen, die sie oft in unschöne Abhängigkeiten bringen. Wenn sie in Einrichtungen wie Lilith kommen, haben sie schon viel ausprobiert und sind in einer sehr schwierigen Situation. Lilith unterstützt diese Frauen in Not nicht nur auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Sie begleiten die Frauen darüber hinaus bis sie wieder eigenverantwortlich leben können."

Die UNERHÖRT!-Foren

Das Thema der bundesweiten UNERHÖRT!-Foren sind sozialpolitische Brennpunkt-Fragen. 2018 steht die Sommerreise des Diakonie-Präsidenten Ulrich Lilie im Zeichen der UNERHÖRT!-Tour. Die Reise führt vom 14. und 22. August einmal quer von Süd nach Nord: Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Syke, Wilhelmshaven, Hamburg. Die Veranstaltungsreihe zur Kampagne findet in Kooperation mit Landes- und Fachverbänden, diakonischen Einrichtungen und der Diakonie Deutschland statt.

Das Audio-Interview von Binnur Sogukcesme zum Nachlesen

Mich hat es immens gestärkt, dass ich in der Diakonie bleiben durfte. Ich konnte andere Schicksale sehen und teilweise helfen, und immer wenn ich ein bisschen helfen konnte und Mut zusprechen konnte, hat mich das total aufgebaut.

Ich bin Fachkraft, gelernte Kraft, ich hab bis jetzt so gut wie 30 Jahre durchgearbeitet. Natürlich hatte ich nicht den Wunsch, zwei Jahre herumzusitzen und darauf zu warten, wieder Einkommen zu haben. Das hat jetzt super geklappt mit der Zeitarbeit. Ich habe drei Wochen bei einer Baufirma als Sekretärin gearbeitet, jetzt ist mein zweiter Einsatz bei einer Immobilienfirma hier in Frankfurt, einer der größten, da würde ich so gar nicht reinkommen. Das ist schon ganz interessant, es ist alles machbar. Manchmal muss das Glück mitspielen. Und ich war in der glücklichen Position und habe bei der Diakonie noch ein Zimmer gekriegt und bin jetzt knapp zwei Jahre hier gewesen. Das hat mich sehr bereichert.

Behördengänge waren es sehr viele. Am Anfang muss man sehr viel Papierkram erledigen. Wenn man das nicht kennt, dann muss man immer mit der Sozialarbeiterin Rücksprache halten, man trifft sich ja jede Woche und muss sich austauschen: Was habe ich gemacht, was muss ich machen und so weiter. Und das ist immens wichtig, damit alles seinen Gang geht.

Ich war hier schnell eingegliedert, kein Problem! Ich habe immer noch manche privaten Dinge im Kopf, ich war nämlich eine Zeit lang von zu Hause weg, habe 16 Jahre den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen. Dadurch dass meine Mutter sehr krank war, haben wir uns dann wieder herangetastet, haben uns wieder getroffen. Gott sei Dank! Ich hätte mir einen großen Vorwurf gemacht, wenn ich das nicht gemacht hätte, denn die Mutter starb dann im Juni. Und da hatte ich einen Tiefpunkt. Ich habe an manchen Dingen gezweifelt, was so meine Lebensphilosophie war oder meine Glaubensrichtung. Ich sage: Jeder Mensch ist wichtig, egal ob man jetzt glaubt oder nicht. Und das sehe ich jetzt wieder, wo ich einen anderen Blick darauf habe. Das lernt man, wenn man in so einem Heim ist. Da lernt man, ganz zu gucken. Dann ist man jeden Tag dankbar, an dem man gesund ist und arbeiten und hier wohnen kann. Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es auch nicht das Ende.

Das Audio-Interview von Mehri Farzan zum Nachlesen

Unsere Hilfe ist hier sehr breit gefächert, das heißt wir können sagen, in jeder Hinsicht versuchen wir zu helfen. Natürlich sind alle, die hier arbeiten, Sozialpädagogen/Sozialarbeiter und alle haben eine Zusatzausbildung. Was wir leisten können, versuchen wir selbst, hier zu leisten. Wir arbeiten in den ganzen Einrichtungen in Frankfurt therapeutisch, machen Schuldnerberatung auch in den Beratungsstellen. Sowohl, was bei der Diakonie angeboten wird, und aber auch von anderen. Und wir sind sehr gut vernetzt, muss ich sagen, und wir sind sehr bekannt in Frankfurt und auch außerhalb Frankfurts sind wir bekannt.

Ulrich Lilie: Und wie geht es weiter, wenn die Damen in eine Wohnung gezogen sind? Gibt es dann eine weitere Verbindung?

Es gibt Frauen, die bekommen eine Betreuung durch die Diakonie im betreuten Wohnen, die wir dorthin geleitet haben. Und wir gucken immer, wenn eine Frau hier auszieht und wir sehen, sie braucht Unterstützung, das sprechen wir an und dann versuchen wir die anschließende Betreuung zu klären. Die Frau steht im Fokus: Wie kann man sie am besten unterstützen?

Ulrich Lilie: Darf ich mal was Persönliches fragen? Was haben Sie als Qualifikation gemacht? Das ist ja ein sehr breites Spektrum…

Ich bin selber Sozialpädagogin, ich habe auch drei Jahre eine extra Ausbildung gemacht: systemische Beratung. Aber wir machen auch sehr viel Schuldnerberatung. Schulden sind hier ein ganz großes Thema. Aber wir alle machen auch andere Dinge, wir sind bei Fachtagungen präsent, man muss sich immer anpassen. Wenn eine Frau schwanger ist und wir keine Schwangerschaftsberatung anbieten, suche ich eine Kollegin. Oder sie kann auch eine neutrale Beratung bekommen. Oder wenn eine Frau sagt, sie arbeitet im Produktionsbereich, dann schicken wir sie auch zu unseren Kollegen.

Es ist ein sehr großer Vorteil, dass man im Zentrum arbeitet. Ich bin ja auch selber beim betreuten Wohnen und das dauert dann zehn Minuten.