Unsichtbare Gewalt gegen Frauen

8. März 2017
  • Journal

Gewalt gegen Frauen spielt sich oft im Verborgenen ab. Wie Frauenhäuser einen Zufluchtsort bieten und warum ungeklärte Finanzierungsfragen diesen Weg erschweren, erklärt Diakonie Referentin Johanne Thie.

Diakonie: Was versteht man unter häusliche Gewalt?

Johanna Thie: Häusliche Gewalt umfasst körperliche Gewalt, also Schubsen, An-den-Haaren-Ziehen, Schlagen, Treten, Stoßen sowie sexualisierte Gewalt und vor allem Vergewaltigung.  Gewalttätige Männer können zusätzlich auch Finanzen nutzen, um Frauen unter Druck zu setzen. Viele  Frauen bleiben dann in einer solchen Beziehung, weil sie finanziell abhängig sind. Auch Beleidigungen, Provokationen, Demütigungen und Drohungen sind Gewalthandlungen, die schwerwiegende körperliche und psychische Folgen nach sich ziehen. Diese Formen häuslicher Gewalt zielen darauf ab, Macht auszuüben, indem sie die Frauen systematisch isolieren und handlungsunfähig machen.

Häusliche Gewalt stellt nach wie vor ein Tabu dar und bleibt nach außen hin oft unsichtbar. Die betroffenen Frauen zeigen aus Scham und Angst nicht, dass sie gedemütigt und verletzt worden sind. Viele suchen auch die Schuld bei sich und verschleiern das Erlebte. Für andere Menschen in ihrer Umgebung – zum Beispiel für Nachbarn – gilt das, was hinter den Wänden einer anderen Wohnung stattfindet, noch allzu oft als Privatsache, die sie nichts angeht.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, in denen Frauen von häuslicher Gewalt besonders betroffen sind – oder ist das ein Vorurteil?

Thie: Wissenschaftlich belegt ist, dass es jede Frau treffen kann und trifft – unabhängig davon, welchen Bildungsstand oder welchen kulturellen oder ethnischen Hintergrund sie hat. Wir stellen aber fest, dass in den Frauenhäusern eher Frauen Schutz und Hilfe suchen, die ein geringes oder gar kein eigenes Einkommen haben. Ihnen fehlen oft die Möglichkeit, Lösungen zu suchen, die anderen Frauen offenstehen: längere Zeit bei Freunden unterzukommen oder sich selbst eine eigene Wohnung zu suchen. Etwa ein Drittel der Frauen, die Zuflucht in Frauenhäusern suchen, sind von Sozialleistungen abhängig.

Dieser Anteil steigt während des Aufenthalts im Frauenhaus auch noch einmal an, weil für sie zum Beispiel die Unterhaltsleistungen des Mannes wegfallen. Und sie suchen ja Schutz im Frauenhaus vor Gewalt – das heißt, auch der Weg zur Arbeit kann für sie zu gefährlich sein, weswegen sie zum Teil  ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. Dadurch fallen  eigene Einkünfte weg.  

Wie viele Frauen suchen Zuflucht in Frauenhäusern?

Thie: Es sind jährlich rund 16.0000 Frauen, die Schutz im Frauenhaus finden. Ein Frauenhaus ist anonym, die Adressen sind nicht öffentlich bekannt. Online gibt es ein Frauenhausverzeichnis. Als erstes findet die Frauen einen geschützten Raum und es wird eine aktuelle Gefährdungsanalyse durchgeführt,  ob sie  Verletzungen hat und was sie an Lebensnotwendigem braucht. Es gibt ein Notfallpaket mit den wichtigsten Dingen und einen Platz in einem Zimmer für sie. In weiteren Gesprächen versucht man dann Schritt für Schritt zu klären, wie es mit der Sicherung der eigenen Existenz weitergeht oder was mit den schulpflichtigen Kindern ist.  Das Wichtigste ist erstmal die Sicherheit. Und dass die Frau zur Ruhe kommen kann – und sich irgendwann mit neuem Selbstbewusstsein ein eigenes Leben aufbauen kann.

Neben den Frauenhäusern gibt es für sie auch Hilfe durch die Frauen-Notrufe und die Beratungsstellen, und seit 2002 auch durch Interventionsstellen.  

Die Interventionsstellen arbeiten pro-aktiv, das heißt dass die Initiative zur Kontaktaufnahme von den Mitarbeiterinnen ausgeht. Voraussetzung sind klare Absprachen  mit der Polizei in der Situation. Das Prinzip ist, dass  eine Frau eben nicht vor der Gewalt in ein Frauenhaus flüchten muss, sondern in ihrer Wohnung bleibt und der gewalttätige Partner gehen muss. Das hat sich mit dem Gewaltschutzgesetz von 2002 geändert, das sagt: „Wer schlägt, der geht“. Dann wenden sich die Beratungsstellen an die Frauen und bieten Unterstützung an.

Es sind aber noch viel mehr Frauen von Gewalt betroffen als die, die in der Statistik von Frauenhäusern auftauchen. Wir wissen, dass durchschnittlich jede vierte Frau einmal in ihrem Leben massive Gewalt erlebt.

Ist das bundesweite Angebot an Frauenhäusern ausreichend?

Thie: Es gibt Frauenhäuser, die nur über das SGB II finanziert werden, also über die Grundsicherung zur Arbeit. Das heißt, Frauen, die nicht von Sozialleistungen abhängig sind, müssen ihren Aufenthalt im Frauenhaus selbst zahlen, weil sie nach dieser Regelung als nicht bedürftig gelten. Sie müssen also neben Miete und Nahrungsmitteln wenigstens anteilig Betreuung und Schutzleistung zahlen, obwohl sie die Situation nicht selbst verursacht haben, sondern der gewalttätige Mann. Wir sehen hier großen Handlungsbedarf der Politik, um das zu ändern. Wir möchten, dass  alle Frauen gleichermaßen ein Recht auf Schutz und Hilfe haben.

Außerdem gibt es nicht genug Plätze in Frauenhäusern. Vor allem im ländlichen Raum gibt es große Lücken. In den Großstädten  sind die Frauenhäuser sehr voll, so dass es zu Wartezeiten kommen kann. Das darf nicht sein – wir müssen Frauen in akuten Notsituationen sofort Hilfe und Schutz gewähren können.

Interview: Diakonie/Natascha Gillenberg

Interviewpartnerin

© Hermann Bredehorst

Johanna Thie

Hilfen für Frauen

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