Städte suchen in Corona-Krise neue Wege der Obdachlosenhilfe

25. März 2020
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Obdachlose stehen wegen der Corona-Krise vor verschlossen Türen, wo sie sonst einen Schlafplatz, eine Dusche oder ein Essen bekommen. Einzelne Städte schaffen neue Angebote, Einrichtungen improvisieren und Freiwillige finden neue Wege der Hilfe. Auch Einrichtungen der Diakonie passen ihre Hilfsangebote an.

Mann nimmt Tüte von Zaun und schaut hinein
© epd-bild/Christian Ditsch

Ein Obdachloser nimmt Lebensmittel vom Spendenzaun an der Evangelische Kirchengemeinde am Weinberg in Berlin-Mitte. In ganz Deutschland entstehen derzeit sogenannte Spenden- oder Gabenzaeune fuer Obdachlose.

In der Corona-Krise mobilisieren einzelne Städte und Initiativen Freiwilliger neue Unterstützungsangebote für Obdachlose. Berlin teilte am Dienstag, 24. März mit, dass es vorerst 350 neue Übernachtungsplätze zur Verfügung stellt. In Nürnberg sollen zwei ehemalige Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber zur Anlaufstelle umgewidmet werden. In ganz Deutschland entstehen derzeit parallel sogenannte Spenden- oder Gabenzäune, an denen etwa Lebensmittel für Obdachlose angehängt werden.

Viele Einrichtungen der Obdachlosenhilfe mussten wegen der Corona-Pandemie ihr Angebot einstellen, weil sie die Abstandsregeln zur Vermeidung von Ansteckungen nicht gewährleisten können. Dazu zählen Übernachtungsangebote, aber auch Essensausgaben und andere Treffs für den Tag. Um Menschen auf der Straße besser vor Infektionen zu schützen, hat das Land Berlin in Zusammenarbeit mit Trägern sozialer Einrichtungen neue Plätze in einer Jugendherberge und einer bisherigen Kältehilfe-Einrichtung geschaffen. Nach Angaben von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sollen sie mindestens bis zum 19. April bereitgestellt werden. Bei der ersten Obdachlosenzählung des Landes Berlin Ende Januar waren insgesamt 1.972 Obdachlose im Stadtgebiet gezählt worden.

Die neuen Unterkünfte in Nürnberg bieten Platz für etwa 80 Menschen, wie die dortige Stadtmission mitteilte. Dort gebe es Einzelzimmer und der Aufenthalt am Tag sei gestattet. In der Ökumenischen Wärmestube in der Nähe des Nürnberger Hauptbahnhofs dürfen sich wegen der Abstandsregeln derzeit nur jeweils 20 Personen aufhalten.

In Hessen versorgen nach Angaben der dortigen Diakonie zunehmend Streetworker Obdachlose mit Schlafsäcken, aber nicht mit Essen. Hilfseinrichtungen schränken wegen des Coronavirus ihre Angebote ein. Tagesaufenthalte ließen in der Regel nur noch einzelne Besucher nacheinander zum Duschen und Wäschewaschen ein, sagte der Abteilungsleiter der Diakonie Hessen, Stefan Gillich, dem epd. Schlafplätze würden aber nicht geräumt. 

Wegen der eingeschränkten etablierten Hilfsangebote rufen Menschen in sozialen Netzwerken zu kreativer Hilfe auf. Bei Facebook, Instagram und Twitter ist unter den Hashtags #Spendenzaun oder #Gabenzaun nachzulesen, wo es solche Zäune in der Nachbarschaft gibt oder wo welche eingerichtet werden sollen.

Die Idee stammt aus Hamburg, wo schon 2017 in der Nähe des Hauptbahnhofes der erste Gabenzaun als niedrigschwelliges soziales Angebot für Obdachlose eingerichtet wurde. Entstanden sind weitere Gaben- oder Spendenzäune in den vergangenen Tagen bundesweit, darunter in Bochum, Leipzig, Dresden und Frankfurt. In Berlin zählte der «Tagesspiegel» am Dienstag bereits mehr als 21 Zäune.

Etablierte Einrichtungen schaffen es derweil mit Improvisation, ihr Angebot aufrecht zu erhalten. Die Suppenküche der Franziskaner in Berlin-Pankow gibt zur Mittagszeit seit einer Woche vor der Tür belegte Brote aus und achtet auf Abstand zwischen den Gästen. Der Essenssaal ist geschlossen. Leiter Bernd Backhaus ist zuversichtlich, dass seine Einrichtung mit diesen Einschränkungen weitermachen kann. Das Gesundheitsamt sieht derzeit nach seinen Angaben keinen Anlass, die Einrichtung zu schließen. Ein Hilfsangebot sei sogar aus dem Bundessozialministerium gekommen. Die damalige Ministerin Andrea Nahles (SPD) war 2016 Ehrengast bei der 25-Jahr-Feier der Suppenküche.

epd/Corinna Buschow