Spätabbruch der Schwangerschaft

14. November 2016
  • Journal
  • Familie und Kinder

Der Film "24 Wochen" erzählt von einem Paar, das aufgrund der Behinderung seines ungeborenen Kindes mit der Frage eines Spätabbruchs ringt. Die Beratungsstellen der Diakonie für Schwangere begleiten in dieser Situation.

Auf welche Weise können Beratungsstellen Frauen und Paaren in einer solchen Situation helfen?

Sabine Hufendiek: Nach dem ersten Schock der Diagnose ist es wichtig,  dass sie erst einmal zur Ruhe kommen und wieder einen klaren Gedanken fassen können. Dann versuchen wir, herauszufinden, wie es weitergehen kann. Kann das Paar sich vorstellen, dieses Kind mit seiner Behinderung oder schweren Erkrankung zu akzeptieren und in die Familie aufzunehmen? Und was würde das dann konkret heißen?

Oder geht die Tendenz eher Richtung eines späten Schwangerschaftsabbruchs? Das ist manchmal in den ersten Gesprächen noch gar nicht entschieden. Das entwickelt sich langsam ­- auch, wenn weitere Untersuchungen stattfinden und immer klarer wird, was alles mit diesem Kind los ist.

Angelika Wolff:  Es gehört also auch eine rechtliche Beratung dazu mit dem Hinweis auf die medizinische Indikation -  wenn es organische Gründe  für einen Spätabbruch gibt, weil eine Schwangerschaft das Leben der Frau bedroht.  Oder weil sich aus den Schilderungen der Frau oder des Paares ein psychischer Befund ergibt: Ist diese Familie in der Lage, dieses Kind aufzuziehen - oder gefährdet das die psychische Gesundheit der Frau?

Im Kinofilm "24 Wochen" ist das Paar auch bei einer Beratungsstelle. Sie beide fanden die Darstellung dieser Beratung allerdings recht unglücklich. Inwiefern?

Wolff: Die Hilflosigkeit, mit der die Beraterin in diesem Film abgebildet ist, entspricht nicht meinen Erfahrungen mit der Arbeit unserer Beratungsstellen. Dort ist es das "täglich' Brot",  Paaren dabei zu helfen, über ihre unterschiedlichen Motivationen und Ziele miteinander ins Gespräch zu kommen. Dass sie anerkennen können, warum sie unterschiedliche Wünsche haben, und was sie dann damit tun.

Beratungsstellen sind ja nicht Frauenberatungsstellen, sondern immer auch darauf angelegt, das Paar - also die Konstellation, in der das Kind auf die Welt kommt - zu unterstützen. Männer haben dabei eine hohe Bedeutung.  Die Paarkonstellation, die der Film aufbaut, und die eigentlich zur Folge hat, dass sich die beiden nur noch trennen können, ist ja auch nicht im Interesse der schwangeren Frau.

Hufendiek: Im Film sagt die Beraterin unglücklicherweise: "Sie wissen, dass die Frau die alleinige Entscheidung hat." Darauf reagiert der Mann extrem wütend und zerschlägt ein Möbelstück. So einen Ausbruch habe ich in einer Beratung noch nie erlebt.

Und es ist auch rechtlich einfach nicht richtig. Bei der Beratung zur so genannten "Fristenlösung" innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate wäre das anders. Da liegt die Entscheidung tatsächlich bei der Frau. Und dann muss man auch manchmal damit umgehen, wie sich das für den Mann anfühlt, dass  er eine andere Entscheidung nicht durchsetzen kann.

Aber bei diesen späten Schwangerschaftsabbrüchen hat die Entscheidung  eben nicht allein die Frau, sondern  der Mediziner, der die Indikation für sie schreibt.

Das heißt, der Arzt kann auch tatsächlich gegen den Willen der Frau entscheiden?

Hufendiek: Oh ja! Und das passiert häufig! Bei späten Abbrüchen hat der Arzt das Recht, zu sagen: "In diesem Fall stimme ich dem nicht zu. Ich beurteile das nicht als so massive Notlage, dass ich jetzt ein Kind in der 24. Woche deswegen töte." Deswegen gibt es auch manchmal Frauen, die dann nach einem anderen Arzt suchen, der eine Indikation für sie schreibt.

Viele Krankenhäuser haben inzwischen auch Ethik-Kommissionen gebildet, weil es so schwierig ist, als einzelner Arzt oder einzelne Ärztin für eine solche Entscheidung die alleinige Verantwortung zu tragen. In den Kommissionen sind dann unterschiedliche Professionen vertreten – verschiedene Ärzte, wie zum Beispiel Gynäkologen, Kardiologen, Kinderärzte – und dann auch die Klinikseelsorgerin und der Sozialberater.

Was ist Thema der Beratung, wenn es dann zu einer Entscheidung für einen Spätabbruch kommt?

Hufendiek: Wenn die Paare sich für einen Spätabbruch entscheiden, denken wir zum Beispiel mit ihnen darüber nach, ob und wie sie mit ihren Familien und Freunden darüber sprechen wollen. Was wollen sie sagen? Wie verhalten sie sich gegenüber den Geschwisterkindern? Die merken ja auch, dass Mama und Papa schwer erschüttert sind. 

Eine wichtige Aufgabe der Beratung ist auch, zu vermitteln, was bei einem Spätabbruch genau passiert. Weil das ungeborene Kind etwa nach der 22. Woche meist schon außerhalb des mütterlichen Körpers überlebensfähig wäre, wird ihm durch die Bauchdecke der Mutter eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz verabreicht. Das Kind stirbt dann im Mutterleib. Und danach wird bei der Frau immer eine richtige Geburt eingeleitet – der Fötus ist ja sehr groß und muss auf diese Weise auf die Welt gebracht werden.

Und das alles realisieren die Paare oft nicht. Die Beratungsstellen sind ein Ort, an dem sie über diese sehr unterschiedlichen Fragen wirklich sprechen können. Aber im Film verteilt die Beraterin leider überwiegend Broschüren und beantwortet die Frage nach dem Wie des Schwangerschaftsabbruchs zwischen Tür und Angel.

Welchen Umgang mit dem toten Kind empfehlen Sie den Eltern in den Beratungsstellen?

Wolff: Das Abschiednehmen vom toten Kind ist sehr wichtig und wertvoll. Einer Frau allerdings wie im Film anzukündigen, ihr das tote Kind ohne Einwilligung auf die Brust zu legen, halte ich für übergriffig, und das darf nicht sein. Man muss die Frau vorher fragen, ob sie das erträgt und will. Auch darüber sprechen wir vorher in der Beratung.

Hufendiek: Wir überlegen mit ihnen, wie sie das tote Kind begrüßen und gleichzeitig verabschieden können. Den Gedanken, das tote Kind zu sehen oder sogar zu berühren, lehnen die Eltern oft erstmal energisch ab. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass es ihnen meist gut tut, so Abschied zu nehmen. Sie  erzählen hinterher oft sehr bewegend darüber, dass sie Gespräche mit dem toten Kind gehabt haben wie etwa: "Du bist nicht schuld, dass wir dich nicht bekommen haben; wir konnten das nicht."

Die Beratungsstellen sind also auch danach noch für die Frauen und Paare da. Denn sie haben den Auftrag, ihnen nach einer Geburt und auch nach einem Schwangerschaftsabbruch weiterhin zur Seite zu stehen.

Interview: Diakonie/Natascha Gillenberg

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© Hermann Bredehorst

Angelika Wolff

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