Soziale Gerechtigkeit – Hilfe im Behördendschungel

17. Februar 2017
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Den Durchblick bei Ämtern und Anträgen zu behalten ist oft schwer. Mit der Sozialberatung des Diakonischen Werkes Steglitz und Teltow-Zehlendorf kann man diese Probleme gemeinsam angehen.

Zwei Frauen unterhalten sich
© Diakonie/Daniela Singhal

Empathische Begleitung: Ilona Kind nimmt sich Zeit für die ihre Klientinnen und Klienten. „Es ist wichtig, die Ängste und Sorgen der Menschen wirklich ernst zu nehmen.“

Manchmal verläuft das Leben ganz anders, als man es sich gewünscht hatte und man landet an einem Punkt, an dem man alleine nicht mehr weiter weiß. "Ich hätte nicht gedacht, dass es mir mal so schlecht gehen würde", sagt Martina Schmidt. Die 61-Jährige sitzt im Büro bei der Sozialen Beratung der Diakonie in Berlin-Zehlendorf (DWSTZ).

Martina Schmidt ist langzeitarbeitslos. Mit der Trennung von ihrem Mann vor 13 Jahren gab sie auch die gemeinsame Firma auf. Seither ist die diplomierte Ingenieurin für Elektrotechnik ohne Arbeit. Am Anfang war sie noch motiviert, sie schrieb Bewerbungen. Als nur Absagen kamen, verlor sie mehr und mehr die Hoffnung. Auch eine zweijährige Umschulung brachte nicht den erhofften Erfolg.

Ihr Selbstwert wurde immer geringer, die Scham immer größer. Ungeöffnete Briefe vom Jobcenter, verlorene Freude und zunehmende Isolation: "Ich erreichte einen Punkt an dem ich mich nicht mehr alleine aus meiner Misere befreien konnte." An diesem Punkt wagte Frau Schmidt den Schritt zur Sozialberatung. Ihr Mut zahlte sich aus. "Ich habe mich in der Sozialen Beratung der Diakonie vom ersten Moment an sehr wohl gefühlt" sagt sie. Viele Tränen flossen beim ersten Treffen.

Sorgen und Ängste ernst nehmen

Diplom Pädagogin Ilona Kind weiß, dass es auch anderen so geht. "Es fällt vielen Menschen schwer, sich die eigene Notlage einzugestehen. Sich selbst und gegenüber anderen", sagt sie. "Deshalb ist es so wichtig, dass es Anlaufstellen gibt, bei denen diese Menschen sich sicher fühlen und aufgefangen werden." Das Wichtigste an ihrer Arbeit sei es, die Ängste und Sorgen der Menschen wirklich ernst zu nehmen.

Sie kommen zu ihr, um sich über das Arbeitslosengeld II zu informieren, weil sie Bescheide vom Jobcenter nicht verstehen, ihre Mietschulden hoch sind und sie ihre Wohnung verlieren könnten. Es kommen ältere Menschen, die verarmt sind. Aber auch Studenten, die ihr Studium überfordert. Und viele kommen, weil sie sich einsam fühlen. Fünf persönliche Beratungen führt Ilona Kind im Durschnitt am Tag. Hinzu kommen zehn bis fünfzehn Telefongespräche. "Es geht immer darum, zu sondieren wo das wirkliche Problem liegt. Manchmal kommt ein Klient mit einem Thema und viele andere ergeben sich daraus", so Kind.

Stück für Stück erarbeitet die Sozialarbeiterin gemeinsam mit den Klienten die nächsten Schritte. Sie gibt Hinweise zu Ansprüchen gegenüber dem Jobcenter oder dem Vermieter, verweist auf Weiterbildungseinrichtungen, an Nachbarschaftsheime oder therapeutische Einrichtungen. "Die Soziale Beratung ist ein sehr wichtiger Baustein unserer Arbeit", so Sabine Hafener, Geschäftsführerin des DWSTZ. Bei vielen Menschen reiche das eigene soziale Netzwerk nicht aus, um sie in einer Notsituation aufzufangen. Und bei den Behörden sei die Zeit für eine Beratung nicht vorhanden. "Dadurch, dass wir die Menschen über ihre Rechte und Ansprüche aufklären, machen wir soziale Gerechtigkeit für sie verfügbarer."

Barbara Eschen, Direktorin der Diakonie Berlin-Brandenburg und Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz, fordert ein Ende der gesellschaftlichen Spaltung: "Deutschland ist ein reiches Land. Wir müssen aber leider feststellen, dass sich der Trend der gesellschaftlichen Spaltung fortsetzt. Wir erleben, dass von den steuerlichen Entlastungen der letzten Jahre vor allem Personen mit hohen Einkommen profitieren. Hier muss sich etwas ändern."

Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, weist auf das besonders hohe Armutsrisiko von kinderreichen Familien, Familien mit Migrationshintergrund und Ein-Eltern-Familien hin und fordert: "Wir brauchen eine einheitliche finanzielle Grundförderung für alle Kinder und zusätzliche finanzielle Unterstützung bei Bedürftigkeit. Wir brauchen eine bedarfsgerechte und für alle zugängliche soziale Infrastruktur. Die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienarbeit muss verbessert werden. Wohnraum muss auch für arme Familien erschwinglich machen."

Antragsdschungel überwinden

Für Eltern mit Fragen zum Antragsdschungel oder anderen Problemen gibt es in Zehlendorf eine weitere Anlaufstelle der Diakonie: Das Familienbüro. Das erste Familienbüro in Berlin, bei dem ein sozialer Träger mit einem Bezirksamt kooperiert. Es befindet sich direkt im Rathaus Zehlendorf. Die Sozialarbeiterinnen des DWSTZ beraten Tür an Tür mit den Mitarbeitern des Jugendamtes. Dreimal wöchentlich gibt es eine offene Sprechstunde.

100 Anfragen bekommen Sozialpädagogin Uta Wilde und ihre Kollegen manchmal pro Termin. "Es kommen Eltern mit Fragen zum Elterngeld oder dem Kita-Gutschein. Aber auch solche, die alleinerziehend sind und kein Geld für die Klassenfahrt haben oder ein verhaltensauffälliges Kind." Die psychosoziale Beratung sei ebenso gefragt wie Informationen zu Anträgen.

Martina Kind schaffte es mit der Hilfe der Sozialberatung, sich durch unbearbeiteten Papierberge auf ihrem Schreibtisch zu arbeiten. Und Kontakt zu anderen Frauen in einem Nachbarschaftsheim aufzunehmen. "Für mich ist es einfach gut zu wissen, dass es einen Ort gibt, an dem mir geholfen wird", bestätigt sie. "Die Beraterinnen der Diakonie sind meine Engel."

Text: Diakonie/Daniela Singhal