Selbstbestimmtes Studentenleben?

31. Januar 2014
  • Journal
  • Inklusion und Behindertenhilfe
  • Bundesteilhabegesetz

Mit dem Abi ab ins Studentenleben – so der Plan von Lukas Wagner. Doch der angehende Student soll bei seinen Eltern wohnen bleiben. Der junge Mann im Rollstuhl kostet das Amt sonst zu viel. Ein Erfahrungsbericht.

Lukas Wagner
© Diakonie/Natascha Gillenberg

Lukas Wagner freut sich auf das Politikstudium - doch das selbständige Wohnen hat das Amt ihm verwehrt

In diesem Sommer habe ich mit 22 mein Abi gemacht und will ab Mitte Oktober in Heidelberg Politik und Soziologie studieren. Ich interessiere mich sehr für gesellschaftswissenschaftliche Themen. Eigentlich wollte ich im Wintersemester in ein Studentenwohnheim ziehen - es gibt in Heidelberg behindertengerechte Wohnungen, Apartments und WGs. Der Mietvertrag ist sogar schon unterschrieben. Aber das kann ich jetzt vergessen, weil die zuständigen Sachbearbeiter im Landratsamt bzw. im Sozialamt der Meinung sind, dass ich bei meinen Eltern wohnen bleiben soll. Das kostet nämlich weniger Geld.

Aufgrund meiner Behinderung bin ich auf die Unterstützung von persönlichen Assistenten angewiesen. Ich habe eine Infantile Cerebralparese,  eine Schädigung des Nervensystems und des  Bewegungsapparats durch eine Gehirnblutung direkt nach meiner Geburt. Ich habe eine Spastik, meine Muskeln sind sehr stark angespannt, und mir fällt es schwer, viele Bewegungen selbst durchzuführen und brauche dafür Zeit. Auch mein Gleichgewichtssinn ist davon betroffen, das heißt, ich kann nur kurze Strecken am Rollator laufen, ansonsten benutze ich einen Rollstuhl.

Im Uni-Alltag brauche ich also jemanden, der mir zum Beispiel bei der Anfertigung von Mitschriften hilft, da ich nicht so schnell schreiben kann. Jemand, der mich beim Aufstehen aus dem Rolli an die Hand nimmt. Der mir in der Bibliothek ein Buch aus dem Regal holt oder in der Mensa das Tablett oder ein Glas reicht - solche Sachen. Mit Annoncen, Aushängen beim Studentenwerk und über Einrichtungen suche ich gerade händeringend nach Leuten für diesen Job, denn ab Mitte Oktober geht’s schon los.

Eltern als unbezahlt Pflegende

Aber das reicht nicht. Ich brauche nicht nur an der Uni Hilfe, sondern auch eine persönliche Assistenz  im Studentenwohnheim -  jemanden, der mir bei der Haushaltsführung und der Pflege hilft.

Und das habe ich beim zuständigen Amt beantragt .

Der Antrag liegt da schon seit einem Jahr. Zuerst habe ich eine 24-Stunden-Assistenz beantragt, aber dann wurde meinen Eltern und mir klar, dass wir die nicht bezahlt bekommen. Und die zuständigen Sacharbeiter haben den Antrag  erst lange vor sich hergeschoben. Nach mehreren Gesprächen und Druckmachen habe ich jetzt vor ein paar Tagen endlich den  Bescheid erhalten. Mit dem Ergebnis: Die Assistenz für die Uni bekomme ich.  Aber nicht fürs Wohnen im Studentenwohnheim.

Mein Umzug und das Leben in einem Studentenwohnheim seien mit Mehrkosten verbunden, die nicht gerechtfertigt seien. Das Amt geht davon aus, dass meine Eltern sich stattdessen um mich kümmern können  – dass sie den Haushalt für mich machen und mich pflegen. Das Amt bewilligt mir deshalb einen Fahrdienst von zu Hause an die Uni (wir wohnen in einem Nachbarort von Heidelberg); ich soll hier wohnen bleiben.

Ein Freund von mir, der in Stuttgart studiert und dort im Studentenwohnheim lebt, hat eine 24Stunden-Assistenz bewilligt bekommen - ohne große Probleme. Das geht also auch. Das gleiche kenne ich auch von anderen Bekannten. Es ist einfach immer sehr abhängig  davon, wer da in diesem Amt sitzt und entscheidet.

Vom Wohlwollen des Sachbearbeiters abhängig

Ehrlich gesagt, fühle ich mich gerade ziemlich veräppelt und auch hilflos und niedergeschlagen. Dabei muss ich jetzt schauen, dass ich wieder Kraft kriege für die Uni.

Ins Studentenwohnheim zu ziehen hätte für mich endlich mehr Eigenständigkeit und Selbstbestimmung bedeutet. Ich hätte meine Zeit selbst einteilen können: Wann gehe ich zu einer Veranstaltung, wann arbeite ich von zu Hause aus länger ein Seminar nach, was kaufe ich zu essen ein? Oder ich hätte mich abends spontan mit Kommilitonen treffen können,  um mit ihnen noch was trinken zu gehen. Einfach frei sein, neue Leute  kennen lernen, den Alltag selbst gestalten -  ein bisschen Studentenleben. Das Wohnheimzimmer musste ich jetzt absagen, weil das ohne die persönliche Assistenz nicht geht. Wahrscheinlich werden meine Eltern und ich vor Gericht ziehen, damit ich irgendwann wie andere Studenten auch im Studentenwohnheim im meiner Unistadt leben kann.

Protokoll: Diakonie/Natascha Gillenberg