Schwanger: Angst vor dem sozialen Abstieg

28. Juli 2017
  • Journal
  • Familie und Kinder

Kinder sind ein Armutsrisiko, wie offizielle Statistiken ausweisen. Frauen bemerken die Gefahr des sozialen Abstiegs oft erst, wenn ihr Kind schon unterwegs ist. Angst vor Armut ist deshalb ein häufiges Thema in Schwangerschaftsberatungsstellen.

Zwei Frauen an einem Tisch.
© epd/Pat Christ

Heike Wysocki von der Schwangerschaftsberatung der Wuerzburger Diakonie erklärt einer werdenden Mutter, welche finanziellen Ansprüche sie hat.

Sich in den Sommerferien im Schwimmbad tummeln, das ist für die vier Kinder der Familie H. aus Würzburg nicht drin. Obwohl der Mann als Lkw-Fahrer Vollzeit arbeitet, reicht das Geld für die Familie nicht. Ungeplant ist nun das fünfte Kind unterwegs. Was die Existenzängste verschlimmert. "Die Familie fragt sich, wie es nun weitergehen soll", sagt Anke Reinauer-Fackler von der Schwangerschaftsberatung der Würzburger Diakonie, die Frau H. derzeit berät.

In jedem zweiten Gespräch geht es um Geld

Das Thema Armut und die Angst davor, sozial abzurutschen, beschäftigen Anke Reinauer-Fackler und ihre Kolleginnen in der Schwangerschaftsberatung stark. Etwa 900 Mal im Jahr berät das Team zu Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt. Etwa in jedem zweiten Gespräch geht es um eine aktuell schwierige finanzielle Situation oder um die Befürchtung, durch ein Kind zu verarmen. "Die Problematik besteht seit Jahren", sagt Reinauer-Fackler.

Vor allem Schwangere ohne Partner oder in unsicheren Beziehungen können durch ein Kind in Armut stürzen, bestätigt ihre Kollegin Heike Link. Die Sozialpädagogin beriet kürzlich eine Würzburger Krankenschwester ohne Partner, die ein Baby erwartet. Bisher hat sie gut verdient. Deshalb wird das erste "Babyjahr" durch das Elterngeld finanziell auch gut zu bewältigen sein. Doch ob sie danach wieder arbeiten kann, ist fraglich. Momentan jedenfalls hat die Pflegerin noch keinen Betreuungsplatz, der mit ihren Arbeitszeiten vereinbar wäre. Sie befürchtet, dass sie nach einem Jahr Elterngeld in Hartz IV abrutschen könnte.

Auf den ersten Blick scheint die Unterstützung von jungen Müttern gut zu sein: Es gibt Elterngeld, Kindergeld und in Bayern auch noch Betreuungsgeld. Jedoch, sagt Heike Pinne, Schwangerenberaterin bei pro familia im hessischen Darmstadt, Eltern- und Kindergeld werden vollständig auf den Hartz-IV-Regelsatz angerechnet: "Das hilft also Eltern, die bereits in einer prekären Situation sind, überhaupt nicht weiter." Schwierig ist Pinne zufolge auch, dass das Elterngeld nur für ein Jahr ausgezahlt wird.

Speiseeis als einziger "Luxus"

"Ich kann meinem Kind doch gar nichts bieten." Diesen Satz hört Birgit Wysocki von der Schwangerschaftsberatung der Würzburger Diakonie von Familien im Hartz-IV-Bezug oft. Und zwar zu Recht, erläutert Wysocki am Beispiel einer 27-Jährigen, die sie gerade berät. Die Frau bekam kürzlich ihr zweites Kind. Ihr Partner hat einen Minijob, sie selbst ist bei den Kindern daheim. "Für diese Familie sind Unternehmungen kaum möglich", sagt Wysocki. Der einzige "Luxus", den sich die vierköpfige Familie ab und an gönnt, ist ein Besuch an der Eisdiele. Zwei Kugeln Eis bekommt dann jeder.

"Existenz- und Zukunftsängste sind ein nicht zu vernachlässigender Faktor in unseren Beratungen", betont auch Ute Klesy, Schwangerenberaterin beim Diakonischen Werk Mainz-Bingen. Die Furcht zu verarmen, entsteht vor allem dann, wenn Ausbildung oder Studium wegen des Kindes abgebrochen werden müssen. Auch Arbeitslosigkeit oder ein niedrig entlohnter Job führen dazu, dass Frauen darüber nachdenken, ob ihr Baby nicht ein sicheres Armutsrisiko darstellt. Besonders kritisch ist die Situation, wenn es keinen Partner gibt. "Mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden erhält Sozialleistungen", sagt Klesy.

Um die Situation zu entschärfen, müsste an mehreren Stellschrauben gedreht werden, sagen die Beraterinnen. Eine Frau, die nur wegen ihres Kindes für ein oder zwei Jahre in Hartz IV abrutscht, sollte einen hören Vermögensfreibetrag erhalten. Alleinerziehenden müssten steuerlich besser gestellt werden. Nach wie vor fehlen Kinderbetreuungsplätze – und zwar vor allem für Mütter, die im Schichtdienst arbeiten. Ein ganz großes Thema ist schließlich bezahlbarer Wohnraum. In vielen Beratungsstellen vergeht kein Tag, ohne dass Schwangere darüber klagen, dass sie keine Wohnung für sich und das Kind finden.

Zu viele Anlaufstellen

Nach Ansicht von Heike Pinne von pro familia in Darmstadt würde sich die Situation nur durch eine große Reform der Leistungen zur Familienförderung wirklich verbessern. Die vielen voneinander unabhängigen, teilweise auch miteinander verzahnten Einzelleistungen müssten zusammengeführt werden. Die Familien sollten eine einzige Anlaufstelle haben statt, wie derzeit, zu verschiedenen Ämtern gehen zu müssen. Manchmal warte auch die eine Behörde auf den Bescheid einer anderen, so dass "Monate ins Land gehen können, bevor endlich Geld fließt".

Pinne zufolge ist das Fördersystem "viel zu kompliziert". Die Folge sei: Schwangerenberaterinnen verbringen viel Zeit damit, werdenden Müttern oder Paaren zu erklären, welche Ansprüche sie haben, damit sie diese überhaupt wahrnehmen können.

Nicht wenige Mütter leben laut Pinne in Armut, weil sie nicht wissen, was ihnen überhaupt zusteht. "Zu uns kommen Frauen, die sagen, dass sie all das, was wir ihnen erklären, beim ersten Kind gar nicht gewusst haben." Deshalb hätten sie Leistungen, auf die sie einen Rechtsanspruch gehabt hätten, nicht beantragt. Dies betreffe zum Beispiel Mittel aus der Bundesstiftung Mutter und Kind, Wohngeld für Familien, die nicht im Hartz-IV-Bezug sind, oder auch den Kindergeldzuschlag.

Text: epd/Pat Christ