Praktikum in der Brüsseler Dienststelle

4. November 2016
  • Journal
  • Diakonie in Europa

Madeleine Bammel erzählt von ihren Einblicken in die EU durch die Brille einer Sozialarbeiterin.

Für Sozialarbeiter gibt es meiner Meinung nach drei Gründe, sich für Politik zu interessieren: Sie sollten nicht nur reaktiv tätig sein, sondern sich mit den Ursachen von sozialen Missständen, die manchmal in den Strukturen selbst zu finden sind, befassen. Sie besitzen auf der Mikroebene der Gesellschaft wertvolles Wissen, das sie auf politischer Ebene einbringen sollten. Schließlich haben sie den Auftrag der Anwaltschaft, das heißt Interessen von Menschen zu vertreten, „die ihre Stimme nicht erheben können“.

Wirtschaft und Soziales versöhnen

In der EU wird Soziales immer im Zusammenhang mit Wirtschaft thematisiert. Sie werden allerdings meist als Gegenspieler dargestellt. „Du gehörst also zu den Guten“ bekam ich oft zu hören, wenn ich die Aufgabenbereiche der Diakonie aufzählte. „… und du zu den Bösen“ stellte man hingegen bei einem befreundeten Praktikanten fest, der bei einem ThinkTank der Wirtschaft arbeitete. Diese Gegenüberstellung ist auch bei Sozialarbeitern verbreitet. Dies hatte mich allerdings schon immer geärgert: Gehört zu einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung nicht sowohl eine erfolgreiche Wirtschaft, als auch ein gutes Sozialsystem?

Es ist mir einerseits wichtig, die Welt der Wirtschaft kennenzulernen, ihre Interessen und Notwendigkeiten besser zu verstehen und vorurteilsfreier zu betrachten. Viele Sozialarbeiter kostet das Überwindung und so war es auch für mich auf einer Veranstaltung beim Auftritt des einflussreichsten Wirtschaftsführers Russlands und Millionärs Mikhail Fridman und seinem Bodyguard nicht ganz leicht, die Sozialarbeiterstimme in mir zu überhören: „Da kommt die gaaanz böse Wirtschaft!“ und den Gedanken an die vielen armutsgefährdeten Menschen in Europa erst einmal beiseite zu lassen.

Andererseits sollten Sozialarbeiter auch die öffentliche Ansicht über sie selbst und das Soziale um- und mitgestalten um das Vorurteil des naiven Gutmenschen loszuwerden. Während des Praktikums gewann ich den Eindruck, dass jetzt ein guter Zeitpunkt dafür sein könnte. Die Erkenntnis, dass Europa auch bei boomender Wirtschaft nicht überleben kann, wenn die sozialen Probleme nicht erfahrbar reduziert werden, verbreitet sich in der europäischen Politik und äußert sich in dem Kommissionsentwurf einer „Europäische Säule sozialer Rechte“.

Legitimität und deutsche Überlegenheit im Lobbyismus

Lobbyismus hat schon immer mit der Frage nach ihrer Legitimität zu kämpfen gehabt. Während meines Praktikums konnte ich die Erfahrung machen, dass gerade im sozialen Bereich Politiker verschiedener Institutionen auf das Expertenwissen angewiesen sind und Lobbyarbeit daher notwendig ist. Allerdings sollte sie nicht unhinterfragt bleiben. Beispielsweise sind die deutschen Interessen in Brüssel weitaus stärker repräsentiert als die der anderen EU-Mitgliedstaaten. Hierzu tragen vor allem die Vertretungen der deutschen Bundesländer bei, die mit beachtlichen Veranstaltungsreihen werben. Deren Legitimität hat sich mir nicht erschlossen, da sie bereits über den Bund repräsentiert werden.

Problematisch kann außerdem gesehen werden, dass Lobbyarbeit von den Finanzierungsmöglichkeiten der Interessensträger abhängt. Nur wer viel Geld hat, kann sich Lobbyarbeit in Brüssel leisten. Daher sind verhältnismäßig weitaus mehr wirtschaftliche Unternehmen in Brüssel vertreten, als soziale Organisationen. Glücklicherweise sind die Wohlfahrtverbände in Deutschland aufgrund unseres Sozialsystems finanziell gut ausgestattet. Doch in anderen EU-Mitgliedstaaten haben soziale Organisationen nicht dieses Glück. Dies hat zur Folge, dass die Lobbyarbeit auch im sozialen Bereich von Deutschland dominiert wird. Umso wichtiger ist es daher, dass die Diakonie Eurodiaconia, das europäische Netzwerk für Kirchen und christlichen NGOs, unterstützt, und dieses weiterhin ausgebaut wird.

Bewerbungen für ein Praktikum bitte an:

© Hermann Bredehorst

Katharina Wegner

Beauftragte der Diakonie Deutschland bei der EU

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