Offenheit für Begegnung

3. Februar 2014
  • Journal
  • Inklusion und Behindertenhilfe

2 Menschen, ein gemeinsames Interesse: Beide mögen das gesellige Beisammensein und engagieren sich freiwillig. Der einzige Unterschied zwischen ihnen: Der eine lebt mit, der andere ohne eine Behinderung.

Geübt lässt Imre Södsz die Schlagzeugschläger durch seine Finger rotieren: "Wenn ich loslege, kann es ganz schön laut werden", sagt er. Zwischen den beiden großen Discoboxen und den 3 Bassgitarren im Musikzimmer fühlt sich der 46-Jährige wie zu Hause: "Beim Musikmachen kann ich die Welt um mich herum vergessen."

Auch Christoph Pongratz will eines im Leben nicht mehr missen: "Dank meines ehrenamtlichen Engagements komme ich ständig unter Leute, reise viel – und bin Teil einer Gemeinschaft", sagt der 48-Jährige. Beide Männer lieben es, sich am Wochenende mit Freunden zu Kneipenabenden oder Ausflügen zu treffen. Der einzige Unterschied zwischen ihnen: Imre Södz lebt seit seiner Geburt mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Das Freizeit- und Begegnungszentrum (FBZ) der Inneren Mission in München steht beiden offen – wann immer sie Lust zum Proben, Kochen, Feiern und Tanzen haben.

40 Ehrenamtler – teils mit, teils ohne Behinderungen

Ehrenamtler Pongratz besuchte vor 12 Jahren zum ersten Mal einen Freizeitclub für Menschen mit und ohne Behinderungen, weil Freunde ihn eingeladen hatten. "Zum Quatschen und Tee trinken", erinnert sich der selbstständige Taxiunternehmer, der zuvor nie mit Menschen mit Behinderungen zu tun hatte. Heute schenkt er wie Imre Södz die Getränke auch mal selbst aus: Im öffentlichen Café des FBZ, wo sich Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam freiwillig engagieren und zur Freitags-Kneipe, Disco-Abenden oder einem Stück Kuchen treffen.

Rund 40 ehrenamtliche Mitarbeitende – teils mit, teils ohne Behinderungen – kochen dort jede Woche abwechselnd ein Abendessen. Die Mehrheit der freiwillig Engagierten lebt wie Södz mit unterschiedlichen Lernbeeinträchtigungen. Zu ihren Gästen im Café des FBZ gehören aber vor allem Freunde und Bekannte, die wie Christoph Pongratz zufällig von dem Projekt gehört haben.

Unterwegs mit Freunden

"Wir sind herausgewachsen aus der Zeit, in der unsere Freizeitangebote sich ausschließlich an Menschen mit Behinderungen richteten", sagt Oliver Gründel, der das FBZ seit 2 Jahren leitet. "An die Inklusion, also Teilhabe an der Gesellschaft, muss man langsam andocken", ist die Erfahrung des Diakons. Das gelte auch für die Menschen mit Behinderungen selbst: Je mehr sie sich außerhalb von speziell für sie eingerichteter Wohn- oder Arbeitsprojekte bewegen, desto häufiger erleben sie, dass Menschen ohne Behinderungen ihnen gegenüber nicht zwangsläufig Vorurteile haben, sagt Gründel.
Inklusion braucht Offenheit im Miteinander von ganz unterschiedlichen Menschen. Das bemerkt auch Christoph Pongratz immer wieder, wenn er als ehrenamtlicher Beiratsvorsitzender Reisen für Menschen mit und ohne Behinderungen begleitet. "Inklusion bedeutet auch, dass man nicht überall einen Unterschied machen muss", sagt der 48-Jährige. So erwähne er beispielsweise bei Hotelbuchungen nicht die geistige Behinderung mancher Gäste: "Wenn ich hohen Blutdruck habe, muss ich das ja auch nicht anmelden", sagt er. Die Reisen mit dem FBZ empfindet er als "Erlebnis mit Freunden".

Wenn Musik verbindet

Dass er seine Freizeit genießen kann, geht auch Imre Södsz über alles. Fast alles: Ihm gegenüber sitzt Mariella Waltl, die ebenfalls mit einer geistigen Behinderung lebt, und hört dem leisen Trommeln unter Södsz' Schlägern zu. "Mariella ist meine Freundin", sagt er und lächelt. Die beiden haben sich vor 7 Jahren im FBZ kennengelernt und wohnen seither zusammen.

Ob zu Kneipenabenden wie dem "Dämmer-Schoppen" am Freitag, der Samstags-Disco oder dem gemütlichen Feierabend-Treff unter der Woche – das Paar besucht das FBZ im Münchner Löhe-Haus so oft es kann. Über besonders viel Gesellschaft freuen sie sich an den Wochenenden: "Bei der Samstags-Disco im Party- und Bandraum ist immer viel Andrang", sagt Diakon Gründel. "Dann gibt es ein breites Publikum von mehr als 100 Leuten, viele bringen ihre Freunde und Angehörigen ohne Behinderungen mit", berichtet der Diakon. Dass Imre Södz auch bei der nächsten Party die Getränke ausschenkt und natürlich Schlagzeug spielt, ist für ihn Alltag und Ehrensache zugleich.

Text: Diakonie/Lisa Böttinger