Nachgefragt zum Evangelischen Profil

10. April 2019
  • Journal
  • Diakonie und Glauben

Die Diakonie setzt sich dafür ein, dass Menschen, mit denen sie zu tun hat, die Menschenfreundlichkeit Gottes als Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erfahren. Was dies für die Arbeit bedeutet, erläutert Tobias Kirchhof, Referent für diakonisch-missionarische Profilbildung.

Muss man Christ sein, um in der Diakonie zu arbeiten?

Tobias Kirchhof: Diakonie ist Teil der Evangelischen Kirche. Wenn Sie in den Bereichen Bildung, Seelsorge, Erziehung oder Leitung arbeiten möchten, dann müssen Sie einer der Kirchen aus der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) angehören. Für alle anderen Bereiche, wie Pflege, Sozialarbeit, Reinigung, Medizin, ist das gewünscht, aber nicht zwingend notwendig.  Sie  müssen sich aber mit den Zielen und Zwecken der Diakonie einverstanden erklären, auch schriftlich. Aber wenn ich in der Solarindustrie arbeite, sollte ich auch Sonnenenergie für eine sinnvolle und ausbaufähige Energieform halten, selbst wenn ich keine Solarzellen auf meinem Dach habe..

Was macht die Diakonie, wenn sie keine christlichen Mitarbeiter mehr findet?

Kirchhof: Das Ziel der Diakonie ist ja, Menschen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Um das zu erreichen, muss sie sicherstellen, dass ihre Dienstleistung funktioniert. Wenn keine christlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stehen, muss sie auf andere Kräfte zurückgreifen. Die Diakonie hat sich deshalb in den vergangenen Jahren kulturell und religiös geöffnet. Die größte Öffnung besteht in Richtung  der vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich selbst nicht (mehr) als religiös verstehen. Für sie spielt der Glaube keine Rolle.

Hat die Diakonie einen Missionsauftrag?

Kirchhof: Es reicht uns nicht, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Loyalitätsrichtlinie unterschreiben, sondern wir möchten auch, dass alle, die bei uns arbeiten, verstehen, was uns wichtig ist. Wir bieten Fortbildungen an, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Diakonie und Christentum besser verstehen. Das richtet sich aber nicht nur an diejenigen, die der Kirche fernstehen sondern auch Kirchenmitglieder. Wir haben einen generellen Bildungsauftrag für alle, die bei uns arbeiten.

Wir sind in einer Situation, wo wir nicht mehr nur Christinnen und Christen beschäftigen. Aber wir zeigen als Diakonie wer wir sind, wofür wir stehen und laden dazu ein, mitzumachen. Was die Beschäftigten dann daraus machen, ist ihre freie Entscheidung.

Sagt die Mitgliedschaft in einer Kirche etwas über den Glauben aus?

Kirchhof: Auch früher haben wir ja keine Gesinnungsprüfung gemacht. Da hat es gereicht, Mitglieder in einer christlichen Kirche zu sein. Dass auch damals schon etwa 30 Prozent der Kirchenmitglieder dem christlichen Glauben indifferent gegenüber standen, war zwar bekannt, wurde in der Kirche aber nie thematisiert. Jetzt wird durch mehr Kirchenaustritte sichtbar, was sich damals schon angebahnt hat. Ganz neu ist die Situation also nicht.

Arbeiten Christen anders als die Kollegen und Kolleginnen in einer weltlichen Einrichtung?

Kirchhof: Wir unterscheiden uns sicher nicht in der praktischen Hilfe wie zum Beispiel sozialer Arbeit oder Pflege. In der Empathie anderen gegenüber unterscheiden sich Christen nicht notwendigerweise von Nichtchristen.

Auf der Handlungsebene werden wir von anderen nicht unterscheidbar sein, vielleicht aber auf der Glaubensebene. Wenn ich die Hoffnung habe, dass es etwas gibt, was über mein Leben hinausreicht, dann kann mich das dazu befähigen, in bestimmten Situationen einen anderen Zuspruch, eine andere Hoffnung zu vermitteln, als es vielleicht jemand kann, der diese Hoffnung nicht in sich trägt.

Diese Hoffnung unterstellen viele Menschen der Diakonie, wenn sie dort Hilfe suchen. Ich glaube, dass Diakonie - und Kirche übrigens auch - zu einem großen Teil von dieser Unterstellung lebt, dass wir in der Diakonie ein "Mehr" an Hoffnungen haben.  

Aber auch da sind nicht alle Christinnen und Christen gleich und nicht jede Klientin oder jeder Patient sucht das.

Die kirchliche Bindung ist in einzelnen Regionen Deutschland wie etwa im Norden oder auch in Ostdeutschland sehr gering, in anderen noch relativ stabil. Wo liegen die Herausforderungen? 

Kirchhof: Wir sollten nicht jedes Jahr auf die Austrittszahlen schauen und dann wieder erschreckt in Aktionismus verfallen. Als Pfarrer frage ich nicht, was wir dagegen tun müssen, sondern, was Gott uns damit sagen will. Vielleicht hat diese Situation ja auch etwas mit uns zu tun.

Vielleicht liegt in dieser Entwicklung sogar die Chance zur Profilierung. In der DDR zum Beispiel hat sich die Diakonie in den Bereichen profiliert, die nicht in das Menschenbild des sozialistischen Staates von einem vor allem produktionsfähigen Menschen passten. Die alten oder behinderten oder sterbenden Menschen hat der Staat damals gern der Diakonie überlassen. Die Diakonie konnte da zeigen, dass in ihrem Menschenbild jeder Mensch, unabhängig von seiner Leistung gleich wichtig ist. Damit hat sie eine Nische besetzt und ein wichtiges Element von Menschsein hochgehalten.

Zurzeit haben wir die Diskussion über Bluttests zur vorgeburtlichen Früherkennung von Trisomie 21. Behinderung, egal in welcher Form, passt nur schwer in die individuellen und gesellschaftlichen Lebensentwürfe, teilweise sehen sich Eltern sogar schon gezwungen, dafür zu entschuldigen, dass sie ein beeinträchtigtes Kind zur Welt kommen lassen. Es wird hier Aufgabe der Diakonie sein, für diese Menschen und ihre Angehörigen da zu sein - und zwar genau aus ihrem christlichen Glauben heraus, der in jedem Menschen Gottes Ebenbild erkennt. 

Als christliche Gemeinschaft werden wir in Deutschland kleiner. Aber das heißt nicht, dass wir weniger wichtig wären.

Während Kirchenmitglieder weniger werden, wollen die diakonischen Einrichtungen  wachsen. Stehen sich hier Marktorientierung und Christliches Profil gegenüber?

Kirchhof: Für mich sind diese Begriffe kein Gegensatz. Man kann auch aus christlicher Orientierung sauber haushalten. Die Diakonie ist unter Ökonomisierungsdruck geraten. Das muss nicht schlecht sein.

Sollte das Evangelische in der Diakonie ein Alleinstellungsmerkmal sein?

Kirchhof: Wir wollen nicht, dass christlicher Glaube zu einem Alleinstellungsmerkmal im Sinne eines Wettbewerbsvorteils wird. Da würden wir anderen Unrecht tun. Der evangelische Glaube ist unsere Überzeugung: wenn das, was wir für richtig halten, auch woanders für richtig gehalten wird, dann freuen wir uns darüber. Bewegungen wie Spiritual Care zeigen in der Pflege deutlich: satt und sauber reicht nicht, sondern Menschen haben spirituelle Bedürfnisse und die müssen in einer ganzheitlichen Pflege berücksichtigt werden. Es gibt private Pflegeeinrichtungen, die bspw. Diakoninnen oder Diakone beschäftigen, um ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ein spirituelles Angebot machen zu können. Darüber freuen wir uns.

Ich warne davor, das christliche Profil als Marktvorteil herauszustellen, als wären wir dadurch besser. Mit solchen Bestrebungen, wie es sie in den letzten 15 Jahren durchaus gab, hatten wir keinen Erfolg. Wir sind nicht die besseren Menschen, bloß weil wir Christen sind. Das hat uns die Reformation beigebracht, und das sollten wir uns auch immer wieder vergegenwärtigen.

Besser ist es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort zu unterstützen, wo sie etwas von ihrem christlichen Glauben in ihre Arbeit einbringen können. Wir sollten zeigen, wofür wir stehen. Diejenigen, denen das wichtig ist, werden dann auch den Weg zu uns finden - sei es als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sei es als Klienten.

Redaktion:Diakonie/Justine Schuchardt