Nachgefragt: Verdeckte Armut ist ein großes Problem

21. August 2013
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  • Armut und Arbeit
  • Menschenwürdiges Existenzminimum

In Deutschland gibt es viele Menschen, die in Armut leben, aber trotzdem keine Hilfe in Anspruch nehmen. Wie kann es zu dieser verdeckten Armut kommen? Und wieso trifft Armut Frauen besonders?

Warum leben auch in einem wirtschaftlich gut entwickelten Land wie Deutschland überhaupt Menschen in Armut?

Michael David: In Deutschland steht relative Armut im Vordergrund, also weniger Hunger und Obdachlosigkeit, sondern eher der mangelnde Zugang zu Teilhabemöglichkeiten, die in unserer Gesellschaft als "normal" gelten: etwa zu Bildung, Möglichkeiten der politischen Mitbestimmung, Kommunikationsmitteln, sozialen Netzwerken, kulturellen und sportlichen Angeboten oder zu renovierten Wohnungen mit guter Verkehrsanbindung. Diese Benachteiligungen verbinden sich mit einem geringen Einkommen

Arbeitslosigkeit ist weiterhin das größte Armutsrisiko, aber auch die zunehmende prekäre Beschäftigung. Zwei weitere Ursachen von Armut in Deutschland: Durch das gegliederte Schulsystem werden soziale Unterschiede fast schon vererbt. Kinder aus Akademikerfamilien mit höherem Einkommen gehen meist wieder aufs Gymnasium. Kinder aus einkommensarmen Familien findet man auf dem Gymnasium selten. Zwei Drittel der unter dreijährigen Kinder, die eine Kita besuchen, kommen aus Akademikerfamilien. Wir wissen aber, dass gerade die Frühförderung für Kinder aus armen Familien sehr wichtig ist. Trotzdem fehlen ausreichende Rechtsansprüche auf Kinderbetreuung für Kinder von Erwerbslosen.

Zweitens: Frauen trifft Armut stärker. Die familienpolitischen Leistungen greifen bei Ehepaaren mit höchstens zwei Kindern am besten. Sie haben das niedrigste Armutsrisiko. Mehr als ein Drittel aller Alleinerziehenden braucht dagegen ergänzende Grundsicherungsleistungen. Das liegt an Problemen im Unterhalts- und Steuerrecht – aber auch daran, dass Ganztagsbetreuungsplätze fehlen. Das betrifft Mütter von mehr als zwei Kindern besonders. Die öffentlichen Betreuungsangebote sind oft nicht flexibel genug, um ihre Berufstätigkeit abzusichern. Betreuungslücken führen zu geringfügiger Beschäftigung oder Erwerbslosigkeit und schließlich auch zu Lücken bei den Rentenbeiträgen und zu Altersarmut.

Wie wirkt sich Armut auf das alltägliche Leben der Menschen aus?

Michael David: Armut wird als Ohnmacht erlebt. Viele Möglichkeiten der Lebensgestaltung fehlen. Der Eintritt für Kino, Theater, Fußballstadion oder Schwimmbad wird zur unüberwindlichen Hürde. Kinder können nicht erleben, was für andere selbstverständlich ist und können nicht mehr mitreden. Wer keinen Zugang zum Internet hat, erfährt von vielen Jobs nicht mehr. Wer sich für Politik interessiert, kann sich bei Treffen in der Kneipe kein Getränk leisten. Reisen und Ausflüge, ein interessantes Wohnumfeld oder ein Monatsticket für den öffentlichen Personennahverkehr sind gar nicht möglich. Die Armut von Kindern wird durch alte Kleidung sichtbar und führt zu Hänseleien auf dem Schulhof. Um Wege aus der Armut zu erleichtern, setzt sich die Diakonie intensiv dafür ein, dass kommunale soziale und kulturelle Angebote verlässlich finanziert und möglichst beitragsfrei ausgestaltet werden. Wir brauchen wieder ausreichende Förderinstrumente für die soziale Städte- und Gemeindeentwicklung und für bezahlbare Wohnungen in sozial gemischten Vierteln. Und: Die Regelsätze in der Grundsicherung müssen endlich so berechnet werden, dass sie das Existenzminimum wirklich sichern. Nach unseren Berechnungen müssten sie deutlich über 400 Euro liegen.

Viele beantragen keine staatlichen Leistungen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Wie kann man diese Menschen darin unterstützen, ihre sozialen Rechte wahrzunehmen?

Michael David: Viele Menschen, die keine Leistungen beantragen, leben in existentiellem Mangel und könnten ihre geringen Einkünfte mit 30, 40 oder auch 100 Euro zusätzlich im Monat aufstocken. Sie fürchten sich aber vor Sanktionen und Kontrolle durch die Jobcenter, wollen nicht ihr ganzes Leben durchleuchten lassen. Daher beantragen sie keine Leistungen, sondern schränken sich noch weiter ein. Das betrifft auch viele Senioren, die Angst davor haben, dass Verwandte in Mithaftung genommen werden. Und: Viele wissen gar nicht, dass sie einen Leistungsanspruch haben und trauen sich nicht, bei den Ämtern nachzufragen. Um diese verdeckte Armut zu überwinden, braucht es zunächst einmal Ermutigung. Die Menschen müssen in ihrer Situation ernst genommen werden. Die Sozialberatungsstellen der Diakonie können hier helfen, Rechtsansprüche durchzusetzen – und Helfende vermitteln, die bei der Antragstellung oder beim Gang auf die Ämter begleiten.

Interview: Diakonie/Sarah Schneider

Interviewpartner

© Hermann Bredehorst

Michael David

Sozialpolitik gegen Ausgrenzung und Armut

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