Nachgefragt: Urmütter der Diakonie

21. Oktober 2016
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Schwester Käte Roos über die Arbeit der Diakonissen als der Ursprung der Diakonie.

Portrait von Schwester Käte Roos
© Barbara-Maria Vahl

Schwester Käte Roos gehört zur Gemeinschaft der Evangelischen Diakonissenanstalt Speyer-Mannheim

Was ist eine Diakonisse?

Käte Roos: Die Arbeit der Diakonissen ist der Ursprung der Diakonie. Diakonissen sind Frauen, die das Wort Christi in die Tat umsetzen. Sie leben ehelos und enthaltsam in einer Lebens- und Glaubensgemeinschaft in Diakonissenmutterhäusern, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, und arbeiten meist in Sozial- oder Pflegeberufen. Ihr Erkennungszeichen war und ist vielerorts die Tracht mit einem Häubchen.

Warum sind Diakonissengemeinschaften entstanden?

Roos: Sie boten ledigen Frauen soziale Sicherheit und die Möglichkeit, einem Beruf nachzugehen. Was die Diakonissen verdienten, gaben sie in die Gemeinschaftskasse. Tracht und Haube, die “Dienstkleidung“ der Diakonissen und ansonsten Zeichen der verheirateten Bürgersfrauen, hatten eine Schutzfunktion: Ledige Frauen waren dadurch sozusagen kein "Freiwild" mehr, sondern im Status den verheirateten Frauen gleich gestellt.

Von Kaiserswerth aus wurden die ersten Diakonissen ausgesandt. Zwei oder drei Frauen bezogen ein kleines Haus und halfen, wo Not war. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die Gemeinschaft und größere Häuser wurden von Adeligen gestiftet. Die Diakonissen hatten häufig große Gärten, betrieben Landwirtschaften, eigene Produktionen und Werkstätten. Sie gründeten Krankenhäuser, Erziehungsheime und Waisenhäuser. Großen Einrichtungen, die es heute noch gibt, haben Frauen gegründet - auch wenn oft Männer im Vorstand tätig waren.

Wie haben die Diakonissengemeinschaften auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagiert?

Roos: Die Emanzipation und das Wirtschaftswachstum trugen dazu bei, dass sich die Rahmenbedingungen für die Diakonissengemeinschaften änderten. Die Ehelosigkeit beispielsweise wurde obsolet. Das stellte die Gemeinschaften vor die Frage: “Wie müssen wir uns darauf einstellen?“ Leider haben viele Diakonissenhäuser diese gesellschaftlichen Veränderungen etwas verpasst.

In den 70er-, 80er-Jahren haben sich verstärkt Brüderschaften gegründet und sich mit den Frauen zu gemischten Gemeinschaften zusammengeschlossen. Die Diakonisse neuer Form entstand. Sie lebt in der Regel eigenständig, darf ihren Beruf frei wählen und hat auch keine Pflicht, eine Tracht zu tragen. Denn mit der gesellschaftlichen Sicherheit der Frau hat die Tracht ihre Schutzfunktion verloren. Die meisten Gemeinschaften haben heute andere Erkennungszeichen – häufig das Kreuz in unterschiedlicher Form.

Kann die Lebensform der "Diakonischen Schwestern" den Nachwuchs retten?

Roos: 1939 wurde die so genannte Verbandsschwesternschaft in Berlin gegründet, die viele Frauen vor den Nationalsozialisten rettete. Diakonische Schwestern bilden eine Glaubens-, jedoch keine Lebensgemeinschaft. Sie wohnen privat und nicht ehelos. Aus dieser Verbandsschwesternschaft entwickelten sich dann die diakonischen Schwesternschaften und die heutigen diakonischen Gemeinschaften, der Frauen und Männer angehören können.

Die Nachwuchssicherung für beide Lebensformen funktioniert vor allem über gute Bildungsarbeit. Seit zehn, fünfzehn Jahren bieten wir den Mitarbeitenden in diakonischen Einrichtungen Kurse an, in denen sie sich bewusst machen: Warum arbeite ich in einem diakonischen Unternehmen? Dabei entsteht bei manchen der Wunsch, zum inneren Zirkel dieser Gemeinschaft zu gehören.

Interview: Diakonie/Sarah Schneider