Nachgefragt: Nettozuwanderung in Deutschland geht seit Jahren zurück. Einrichtungen und Dienste der Diakonie spüren die Auswirkungen der Zuwanderung vor allem langfristig.

25. Juni 2021
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Die Zahl der Einwanderungen nach Deutschland geht das vierte Jahr in Folge zurück. Dies zeigt der Migrationsbericht der Bundesregierung, der jährlich erstellt wird. Woran liegt das und was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Welche Folgen hat das Migrationsgeschehen für die diakonischen Einrichtungen und Dienste, auch unter Berücksichtigung der Corona-Krise? Hintergründe erklärt Johannes Brandstäter, Referent für migrationspolitische Grundsatzfragen der Diakonie Deutschland.

Illustration aus Fußspuren in den Haaren einer Frau
© Diakonie/Francesco Ciccolella

In Deutschland gibt es seit vielen Jahren eine Nettozuwanderung, das heißt, mehr Menschen ziehen zu, als aus Deutschland weg. Allerdings geht dieser Wert, auch unabhängig von der Corona-Pandemie, zurück. Die Einrichtungen und Dienste der Diakonie spüren die Auswirkungen der Zuwanderung vor allem langfristig.

Wie hat sich das Migrationsgeschehen in Deutschland entwickelt und welche Trends – unter anderem durch die Corona-Pandemie – lassen sich erkennen?

Johannes Brandstäter: In Deutschland gibt es seit vielen Jahren eine Nettozuwanderung, das heißt, mehr Menschen ziehen zu, als aus Deutschland weg. Allerdings geht dieser Wert, auch unabhängig von der Corona-Pandemie, zurück: 2018 zogen noch rund 400.000 Menschen mehr zu als fort, 2019 waren es 330.000 und nur noch 260.000 Menschen im Jahr 2020.

2019 sind insgesamt 1,56 Millionen Menschen zugezogen. Das klingt zwar sehr hoch, aber es sagt alleine nichts über den Bevölkerungszuwachs aus, da im gleichen Jahr auch 1,23 Millionen Menschen wieder fortgezogen sind. 2020 gab es aufgrund der Mobilitätsbeschränkungen durch die Pandemie insgesamt mit 740.000 viel weniger Zu- und mit 479.000 viel weniger Fortzüge. Diese Entwicklung führte mit dazu, dass 2020 die Gesamtbevölkerung in Deutschland erstmals seit zehn Jahren nicht mehr angestiegen ist.

Mehr als die Hälfte der zugewanderten Menschen hat eine EU-Staatsangehörigkeit. Hauptherkunftsland bleibt Rumänien mit 14,8 Prozent aller Zuzüge. Doch der Anteil von Drittstaatsangehörigen wächst, insbesondere von Menschen aus Asien. Syrien befindet sich seit 2018 nicht mehr unter den zehn zugangsstärksten Herkunftsländern: Die Zuzugszahlen gingen 2019 um 17,1 Prozent zurück. Auch im Irak und Iran sind stark rückläufige Zahlen zu verzeichnen.

Statistiken zur Langzeit-Migration zeigen zudem, dass viele Menschen innerhalb eines Jahres auch wieder aus Deutschland fortziehen. Laut Ausländerzentralregister hielten sich 2018 etwa 30 Prozent der zugewanderten Menschen nur kurzweilig in Deutschland auf. Es handelt sich beispielsweise um Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeiter, um nicht anerkannte und zurückkehrende Asylsuchende oder um Erwerbstätige, deren Lebensplanungen sich während des Aufenthalts in Deutschland verändert haben.

Welche Auswirkungen hat die Entwicklung des Migrationsgeschehens auf die diakonischen Einrichtungen und Dienste und welche Rolle spielt dabei die Corona-Krise?

Porträtfoto von Johannes Brandstäter
© Hermann Bredehorst

Johannes Brandstäter ist Referent für migrationspolitische Grundsatzfragen der Diakonie Deutschland.

Brandstäter: Die Einrichtungen und Dienste der Diakonie spüren die Auswirkungen der Zuwanderung vor allem langfristig. So verändern sich zum Beispiel die Adressatinnen und Adressaten: Durch Einwanderung werden sie jünger, diverser und der Beratungsbedarf wächst. In einem Viertel der Bevölkerung gibt es familiäre Bezüge zur Einwanderung. Für die Dienste und Einrichtungen der Diakonie bedeutet es zum Beispiel, dass sie mehr Sprachmittlungsangebote bereitstellen müssen für Menschen mit wenig Deutschkenntnissen. Das ist besonders in der Gesundheitsversorgung wichtig. Aber auch die Kinder- und Jugendhilfe muss sich anpassen. Längst nicht alle Menschen ohne deutschen Pass sind selber eingewandert – viele von ihnen sind hier geboren. Der Anteil der ausländischen Kinder im Jahr 2019 an allen in Deutschland geborenen Kindern betrug mehr als 13 Prozent.

Die Corona-Pandemie war und ist auch für die Migrationsfachdienste eine Herausforderung: Während der Lockdowns standen sie weiter als Ansprechinstanz bereit, wenn viele andere Dienste geschlossen oder unerreichbar waren. In ihrer systemrelevanten Funktion helfen sie, die soziale Versorgung während der Pandemie aufrechtzuerhalten. Für Ratsuchende ist es natürlich schwieriger, wenn die Angebote nicht auf den gewohnten Wegen zu erreichen sind. Andererseits funktioniert die Beratung per Telefon und über das Internet nun teilweise auch besser als zuvor, weil die Migrationsfachdienste ihre Angebote entsprechend umgebaut haben.

Bei der Zahl der Einbürgerungen liegt Deutschland im europäischen Vergleich weit hinten. Wie könnten die Einbürgerungszahlen in Deutschland verbessert werden?

Brandstäter: Tatsächlich ist die Einbürgerungsquote, das heißt die Zahl der Einbürgerungen im Verhältnis zur Zahl der ausländischen Menschen in Deutschland, sehr niedrig. Sie liegt mit 1,14 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnittswert von 2,1 Prozent. Um die Zahl der Einbürgerungen deutlich zu steigern, müssen die Aufenthaltsfristen im Staatsangehörigkeitsgesetz verkürzt, Doppelpässe akzeptiert und die Antragsverfahren vereinfacht werden.

Gefragt sind aber auch Länder und Kommunen, die für die Bearbeitung der Anträge zuständig sind. Die Einbürgerungsbehörden müssen vielerorts einfach personell besser ausgestattet werden. Außerdem brauchen wir eine Willkommens- und Anerkennungskultur in den Behörden wie auch in der Gesellschaft.

Interview: Diakonie/Sarah Spitzer