Nachgefragt: Nähe statt therapeutischer Tipps

1. Juli 2016
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Auch 60 Jahre nach ihrer Gründung laufen die Drähte bei der Telefonseelsorge heiß. Warum das Sorgenteilen nichts an seiner Dringlichkeit verloren hat, erklärt Bernd Blömeke, Referent für Telefonseelsorge.

60 Jahre Telefonseelsorge - haben sich die Sorgen und Nöte der Anrufenden über die Jahrzehnte hinweg verändert?

Bernd Blömeke: Die Themen bleiben gleich. Häufig werden im Gespräch ein oder mehrere Aspekte genannt, aber es wird dann deutlich, wie alles miteinander zusammenhängt. Es geht in den Gesprächen daher vor allem darum, als Person, als Ganzes wahrgenommen zu werden. Auslöser des Anrufs ist vielleicht eine akute Beziehungskrise oder eine starke finanzielle Belastung, aber dahinter stecken oft Probleme in der Vergangenheit, die im Gespräch zutage treten und die es zu beachten gilt. Die Grundintention der Telefonseelsorge war von Anfang an, dem Anrufenden einen Kontakt von Mensch zu Mensch anzubieten. Deswegen arbeiten ja auch überwiegend Ehrenamtliche am Telefon. Es geht viel mehr um die menschliche Nähe, das Mitgefühl und Verstehen als um den professionellen, therapeutischen Rat.

Warum ist das Gespräch mit einem wildfremden Zuhörer auch in der heutigen Zeit für viele Menschen so wichtig und auf welchen Wegen können sich Hilfesuchende an die Telefonseelsorge wenden?

Blömeke: In Zeiten von Facebook, Whatsapp und Co. kann man den Eindruck gewinnen, dass die Menschen genug Möglichkeiten haben, um sich auszutauschen. Telefonseelsorge bietet aber etwas, das all diese modernen Kommunikationskanäle nicht leisten können: den Kontakt mit einem realen Gegenüber, dessen Reaktionen ich unmittelbar wahrnehme. Es gibt eine ganze Reihe von Lebenssituationen, in denen Menschen dieses direkte Gegenüber brauchen. Situationen, in denen es eben nicht reicht, ein Anliegen textlich zu formulieren und abzuschicken. Situationen, in denen sie sich zudem vor dem Gesehen-werden scheuen. Da ist die Telefonseelsorge die ideale Anlaufstelle. Hier bietet sich dem Hilfesuchenden ein geschützter Raum, um anonym ins Gespräch über etwas sehr Persönliches, oftmals auch Beschämendes zu kommen, mit jemandem, der einfach zuhört und unbefangen reagieren kann. Das sind meiner Ansicht nach die wichtigsten Kennzeichen dafür, warum es Telefonseelsorge nach wie vor braucht.

Telefonseelsorge hängt immer auch stark von den technischen Möglichkeiten ab. So hatten wir zum Beispiel in der Zeit, als Mobiltelefone bei Jugendlichen zum Alltagsgegenstand wurden, massenhaft Anrufe von Pubertierenden, die die Telefonseelsorge oft einfach foppen wollten. Hier haben wir einmal die Aktion "Du stehst auf der Leitung" gestartet, um diesen Jugendlichen deutlich zu machen, dass sie die Leitung für Anrufende blockieren, die wirklich in Not sind. Ein ähnliches Problem kam auf, als Telefonfunktionen wie die Wahlwiederholung oder der Kurzwahlspeicher gängig wurden. Plötzlich haben gehäuft immer wieder die gleichen Leute angerufen. Damit haben wir nach wie vor Probleme, denn unser Anspruch ist, möglichst jedem Anrufenden einen Kontakt zu ermöglichen.

Neben der telefonischen Beratung sowie der Chat- und Mail-Beratung ist auch eine Face-to-Face-Beratung in einigen regionalen Beratungsstellen möglich, in denen nur Hauptamtliche arbeiten. Auch auf das Angebot der "Offene Tür"-Stellen und anderer Beratungsstellen wird am Telefon verwiesen, wenn bei einem Gespräch deutlich wird, dass weiterführende Hilfe erforderlich ist. Deshalb bemühen wir uns darum, die Anrufenden möglichst regional zu verteilen und dann an die Beratungsstellen vor Ort zu verweisen. Um der hohen Nachfrage am Telefon sowie per E-Mail und Chat entsprechen zu können, benötigen wir eigentlich noch weitere Telefonseelsorge-Stellen mit Ehrenamtlichen.

Sie brauchen also mehr Personal?

Blömeke: Beim Ehrenamt haben wir generell erfreulicherweise ein gleichbleibend hohes Engagement und auch einen regen Austausch der Ehrenamtlichen untereinander. Mehr als früher gibt es jedoch Ehrenamtliche, die sich nicht dauerhaft engagieren können, sondern über kürzere Zeiträume. Das liegt daran, dass sich die beruflichen und familiären Situationen heute deutlich schneller verändern. Außerdem haben wir natürlich eine starke Konkurrenz, denn es gibt viele spannende Themenbereiche, in denen man sich ehrenamtlich engagieren kann. Und Telefonseelsorge liegt auch nicht allen. Man muss nicht nur sehr geduldig sein, sondern auch ein Gespräch führen, fokussieren und vor allem beenden können. Wir möchten vor allem mehr Männer für das Ehrenamt bei der Telefonseelsorge gewinnen. Immerhin ist auch ein Drittel der Hilfesuchenden männlich und unser Anliegen ist, dass sich Geschlecht, Alter sowie berufliche Situation und Familienstand der Anrufenden auch bei den Ehrenamtlichen widerspiegeln. Wir freuen uns daher besonders über mehr männliche Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge.

Interview: Diakonie/Verena Manhart

Interviewpartner

© Hermann Bredehorst

Dr. Bernd Blömeke

Telefonseelsorge

030 65211-1682

[email protected]

Weitere Informationen

Vom 19. bis zum 22. Juli 2016 findet in Aachen der Internationale Telefonseelsorge-Kongress ifotes statt. Zu diesem Anlass hat die Telefonseelsorge die Broschüre "Suizidprävention - Damit das Leben weitergeht" veröffentlicht.