Nachgefragt: Häusliche Gewalt in Zeiten von Corona

17. Dezember 2020
  • Journal
  • Corona
  • Sexualisierte Gewalt

Die verschärften Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus belasten Familien enorm. Viele Menschen müssen von zuhause aus arbeiten oder dürfen nicht mehr arbeiten. Die Betreuung der Kinder findet oftmals in den eigenen vier Wänden statt. Das alles kann vermehrt zu familiären Konflikten führen.

Wir unterhalten uns darüber mit Johanna Thie, Expertin der Diakonie Deutschland für Hilfen für Frauen.

 

Illustration Hilfe bei Gewalt
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Die Diakonie ist Trägerin von Frauen- und Kinderschutzhäusern und vielen Frauenberatungsstellen, in denen Frauen Schutz und Beratung finden.

Haben die aktuellen Einschränkungen bereits zu mehr häuslicher Gewalt geführt?

Johanna Thie: Weiterhin gilt, dass in vielen Familien der Stress wächst, wenn die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Die Mehrfachbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung bleibt vorläufig. Kommen dann finanzielle Sorgen und möglicherweise der Verlust des Arbeitsplatzes dazu, ist dies sehr belastend. Das kann ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Bestehen bereits Probleme in der Partnerschaft, kann das zu häuslicher Gewalt führen.

Uns liegen für Deutschland nach wir vor keine verlässlichen Zahlen vor, inwieweit die Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus zu mehr häuslicher Gewalt geführt haben. Beim ersten Lockdown haben sich Frauen weniger Hilfe geholt, auch aus Angst, sich im Frauenhaus zu infizieren. Inzwischen hat sich das geändert. Die Frauenhäuser sind jetzt in vielen Kommunen voll belegt. Nicht alle Schutzsuchenden können zeitnah Hilfe erhalten.

Wie hilft die Diakonie?

Thie: Es hilft weiterhin, wenn Nachbarn, Freunde und Verwandte besser hinschauen, sobald sie merken, dass sich in Familien Konflikte anbahnen. Hier kann ein gutes Gespräch am Telefon oder per Mail unterstützend wirken. Nicht jeder Streit ist häusliche Gewalt. Droht jedoch eine Situation zu eskalieren, wenden Sie sich an die Polizei oder nehmen Sie Kontakt zu Fachberatungsstellen oder zum Frauenhaus auf, telefonisch oder digital.

Auf alle Fälle empfehlen wir unser bundesweites Hilfetelefon 08000 116 016 und die Website der Frauenkoordinierung  www.frauenhauskoordinierung.de mit der Suche nach Frauenhäusern und zahlreichen Tipps und Empfehlungen, auch in leichter oder Gebärdensprache.

Unsere Frauenhäuser und Beratungsstellen sind durch den ersten Lockdown zwar gut vorbereitet: es wurden Hygienepläne erstellt, Ausweichquartiere angemietet und vieles mehr. Um das Kontaktverbot umzusetzen, musste die Face-to-face-Beratung teilweise auf telefonische oder online-Beratung umgestellt werden.

Was brauchen die Frauenhäuser jetzt, um mehr Menschen helfen zu können?

Thie: Die teilweise Umstellung auf neue Beratungsformen erfordert ein hohes Maß an Organisation und Krisenmanagement. Das kostet mehr Geld. Frauenhäuser und -beratungsstellen benötigen deshalb weiterhin schnelle und unbürokratische finanzielle Unterstützung von Bund, Länder und Kommunen, um ihr Angebot in dem benötigten Maße aufrechtzuerhalten oder bei steigenden Bedarfen auszuweiten.

Mitarbeitende müssen zeitnah die Schutzimpfungen gegen das Corona-Virus und es müssen Corona-Tests organisiert und finanziert werden. Wie nicht zuletzt die jährliche kriminalstatistische Auswertung zu Partnerschaftsgewalt für das Berichtsjahr 2019 des Bundeskriminalamts gezeigt hat, ist Gewalt gegen Frauen auch in Deutschland noch immer ein sehr großes Problem. Frauenhäuser sind oftmals die erste Anlaufstelle. Daher sind sie als systemrelevant einzustufen.

Wenn Frauenhäuser nicht arbeiten können, weil sie unter Quarantäne stehen und/oder Personal wegen Krankheit ausfällt, bleiben diese Frauen und deren Kinder ohne Hilfe. Weil das Infektionsrisiko jedoch hoch ist, müssen die Mitarbeitenden die notwendige Infektionsschutzausstattung bekommen. Dazu gehört auch, dass sie zeitnah die Schutzimpfungen gegen das Corona-Virus erhalten müssen. Sie müssen von daher dringend in den Katalog der Coronavirus-Impfverordnung aufgenommen werden.

Gleiches gilt für die Corona-Tests. Beim Einzug ins Frauenhaus muss sichergestellt werden, dass die betroffenen Frauen und ihre Kinder nicht mit dem Corona-Virus infiziert sind.  Die Durchführung eines Tests vor der Neuaufnahme einer Frau in ein Frauenhaus ist wichtig, da eine Quarantäne für ein gesamtes Frauenhaus mit einem erheblich größeren finanziellen und auch verwaltungstechnischen Aufwand für die jeweiligen Städte oder Landkreise verbunden ist. Die Testung ist somit die für alle Seiten kostengünstigere Lösung.  

Die Mitarbeiterinnen brauchen Anerkennung und Wertschätzung ihrer wichtigen Arbeit. Dabei geht es nicht nur um die überfällige Verbesserung der Bezahlung, sondern auch einen Dank der Gesellschaft.

Auch eine kleine Spende hilft. Außerdem: Fragen Sie bei Ihrem lokalen Frauenhaus oder Beratungsstelle, wo auch Sie helfen können!

Interview: Diakonie/Anne Grupp