Nachgefragt: Mehr häusliche Gewalt in der Corona-Krise?

27. März 2020
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  • Corona

Die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus belasten Familien enorm. Viele Menschen arbeiten von zuhause aus oder gar nicht, auch die Betreuung der Kinder muss in den eigenen vier Wänden stattfinden. Das alles kann vermehrt zu familiären Konflikten führen. 

Wir unterhalten uns darüber mit Johanna Thie, der Vorsitzenden der Frauenkoordinierung, einem Verein, der deutschlandweit Frauenhäuser und Fachberatungsstellen in fachlicher Hinsicht und bei ihrer fachpolitischen Arbeit unterstützt.

Illustration Hilfe bei Gewalt
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Die Diakonie ist Trägerin von Frauen- und Kinderschutzhäusern und vielen Frauenberatungsstellen, in denen Frauen Schutz und Beratung finden.

Haben die aktuellen Einschränkungen bereits zu mehr häuslicher Gewalt geführt?

Johanna Thie: Ganz sicher ist, dass in vielen Familien der Stress wächst, wenn die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Hinzu kommt die Mehrfachbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung, finanzielle Sorgen und möglicherweise bestehend ja außerdem auch schon Probleme in der Partnerschaft.

Uns liegen für Deutschland keine Zahlen vor,  inwieweit die Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus zu mehr häuslicher Gewalt führen. Die Entwicklung in China oder Spanien zeigt aber, dass mit deutlich mehr hilfesuchenden Frauen als sonst zu rechnen ist.

Wie hilft die Diakonie?

Thie: Es hilft schon, wenn Nachbarn, Freunde und Verwandte besser hinschauen, wenn sie merken, dass sich in Familien Konflikte anbahnen. Hier kann ein gutes Gespräch am Telefon oder per Mail unterstützend wirken. Nicht jeder Streit ist häusliche Gewalt. Droht eine Situation zu eskalieren, wenden Sie sich an die Polizei oder nehmen Sie Kontakt zu Fachberatungsstellen oder zum Frauenhaus auf, telefonisch oder digital.

Unsere Frauenhäuser und Beratungsstellen bereiten sich auf alle Fälle vor: So müssen möglicherweise mehr Plätze als sonst bereitgestellt werden. Wir haben bereits Angebote von Hotels erhalten, die uns Zimmer vermieten wollen. Aber auch das muss organisiert werden. Auch sind wir dabei, die Betreuung und Beratung durch unsere Mitarbeitenden so umzuorganisieren, dass die Schutzmaßnahmen eingehalten werden.

Auf alle Fälle empfehlen wir, unser bundesweites Hilfetelefon 08000 116 016 und die Website der Frauenkoordinierung  www.frauenhauskoordinierung.de mit der Suche nach Frauenhäusern und zahlreichen Tipps und Empfehlungen, auch in leichter oder Gebärdensprache.

Was brauchen die Frauenhäuser jetzt, um mehr Menschen helfen zu können?

Thie: Wie viele andere soziale Einrichtungen benötigen auch die Frauenhäuser Geld: Für Schutzkleidung und Desinfektionsmittel, mehr Personal, mehr Plätze. Leider fallen nicht alle unsere Einrichtungen unter den Rettungsschirm der Bundesregierung – daher brauchen wir mehr als je zuvor die Unterstützung der Kommunen und Länder.

Auch die Frauenhäuser und Beratungsstellen müssen das Kontaktverbot umsetzen, d.h. sie müssen die Face-to-face-Beratung z.T. auf telefonische oder online-Beratung umstellen. Dies erfordert ein hohes Maß an Organisation, Finanzen und Krisenmanagement. Eine bessere technische Ausstattung für eine datensichere Beratung ist dringend erforderlich. Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen benötigen deshalb schnelle und unbürokratische finanzielle Zuschüsse, um ihr Angebot in dem benötigten Maße aufrechtzuerhalten oder bei steigenden Bedarfen auszuweiten.

Und die Mitarbeiterinnen brauchen Anerkennung und Wertschätzung ihrer wichtigen Arbeit. Dabei geht es nicht nur um die überfällige Verbesserung der Bezahlung, sondern auch einen Dank der Gesellschaft. Auch eine kleine Spende hilft. Außerdem: Fragen Sie bei Ihrem lokalen Frauenhaus oder Beratungsstelle nach, wo auch Sie helfen können.

Interview: Diakonie/Anne Grupp