Nachgefragt: Gesellschaft muss FSJlern und FSJlerinnen mehr zurückgeben

14. April 2014
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Mit dem Motto "Man lebt nicht bloß vom Verdienen" rief die Diakonie Neuendettelsau im Jahr 1954 das erste Mal junge Menschen auf, sich ein Jahr freiwillig zu engagieren. So entstand das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ).

Wie ist das Freiwillige Soziale Jahr organisiert?

Rainer Hub: Nach dem Bewerbungsverfahren und teilweise ersten Schnuppertagen schließen die Freiwilligen, die jeweilige Einsatzstelle und ein pädagogischer Bildungsträger einen Vertrag ab. Eine besondere Rolle trägt der sogenannte Bildungsträger, wie es beispielsweise die Diakonischen Werke sind: Die Freiwilligen sollen nicht nur die Arbeit in den Einrichtungen kennenlernen, sondern auch die Möglichkeit haben, sich in insgesamt 25 Seminartagen persönlich und zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen fortbilden.

Außerdem unterstützen die Bildungsträger die Freiwilligen in ihrem Arbeitsalltag und vermitteln bei Konflikten zwischen Einsatzstellen und Freiwilligen. Wichtig ist, dass ein FSJ-Vertrag sich von Arbeitsverträgen unterscheidet – er ist vor allem arbeitsmarktneutral, Freiwillige dürfen also nur unterstützende Tätigkeiten ausführen und nicht die Stellen anderer, regulär Beschäftigter ersetzen.

Weiter sind Freiwillige im FSJ sozialversichert und bekommen ein Taschengeld. Die Kosten dafür teilen sich der Bund, die pädagogischen Trägern und die Einsatzstellen. In ein paar wenigen  Bundesländern wird das FSJ ergänzend noch von dem jeweiligen Bundesland des Trägers und der Einrichtung bezuschusst.

 

Wer profitiert vom FSJ?

Hub: In erster Linie sollen natürlich die Freiwilligen selbst profitieren und nach dem Jahr sagen können: "Ich habe mich als Person weiterentwickelt, ich habe etwas gelernt." Dazu zählt durchaus auch die Erkenntnis, dass ein Beruf im sozialen Bereich für den Freiwilligen oder die Freiwillige nicht in Frage kommt. Die meisten Teilnehmenden werden aber in ihrem Interesse an sozialen Berufen bestätigt. Die Einrichtungen haben natürlich auch etwas davon, wenn sie die Freiwilligen gut begleiten und schulen: Die FSJler und FSJlerinnen entlasten andere Mitarbeitende in den Einrichtungen. Letztlich aber gewinnt natürlich die gesamte Gesellschaft, wenn Menschen sich füreinander engagieren.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich von Bund und Ländern?

Hub: Mit dem Freiwilligendienst leisten die Freiwilligen etwas für die Gesellschaft – diese sollten den jungen Freiwilligen dafür auch etwas zurückgeben. Zwar hat sich in den letzten Jahren diesbezüglich einiges getan, aber ein FSJ sollte sich noch positiver auswirken, beispielsweise bei der Studienplatzvergabe und bei Bewerbungen. Darüber hinaus sollte es Vergünstigungen wie bei einem Schüler - oder Studentenausweis geben.

Eine gesellschaftliche Herausforderung ist es nach wie vor, dass die Nachfrage junger Menschen ein FSJ zu machen die Angebote übersteigt. Zwar ist mit dem Paradigmenwechsel und dem deutlichen Ausbau an Freiwilligendienstmöglichkeiten ein großer Schritt getan, doch könnte noch mehr passieren. Allerdings ist ein weiterer Ausbau vonseiten des Bundes unwahrscheinlich, auch weil er bezweifelt, dass die Nachfrage angesichts des demographischen Wandels dauerhaft so hoch bleibt.

Unsere Perspektive hingegen ist aber eine andere: Mit Hilfe gezielter Werbemaßnahmen würde bei den diakonischen Einrichtungen die hohe Nachfrage trotz demographischem Wandels konstant bleiben können. Dringend notwendig wäre deswegen eine bundesweit einheitliche Bezuschussung des FSJs – nach 50 Jahren FSJ-Geschichte wäre das ein wesentlicher Meilenstein für die Weiterentwicklung und Durchführung des Freiwilligen Sozialen Jahres als Bildungs- und Orientierungsjahr.

 

Interview: Diakonie/Melanie Zurwonne

Interviewpartner

© Hermann Bredehorst

Rainer Hub

Freiwilliges soziales Engagement, Freiwilligendienste

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