Nachgefragt: Familiennachzug für Geflüchtete

24. März 2017
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Viele Geflüchtete in Deutschland möchten ihre Angehörigen aus dem Krisen- und Kriegsländern nachholen. Auf welchen Wegen das geht und wer einen Anspruch auf Familienzusammenführung hat, erklärt Diakonie-Flüchtlingsexperte Sebastian Ludwig.

Wie können Geflüchtete ihre Familienangehörigen nachholen?

Sebastian Ludwig: Es gibt zwei Möglichkeiten: das Botschafts- und das Dublinverfahren. Das Botschaftsverfahren kommt für Familienangehörige innerhalb und außerhalb der EU in Frage, wenn der Ehepartner oder das minderjährige Kind eine Aufenthaltserlaubnis nach der Genfer Flüchtlingskonvention für Deutschland besitzt. Allerdings müssen Angehörige in ihrem Land oft lange auf einen Termin bei der Botschaft warten. Und, anerkannte Geflüchtete haben nur drei Monate nach ihrer Anerkennung Zeit, den Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Nach dieser Frist gibt es keinen Anspruch mehr auf den Familiennachzug, wenn diese ihren Lebensunterhalt nicht selbst sichern können. Personen mit nur subsidiärem Schutz haben eine Sperrfrist für den Familiennachzug bis zum 17. März 2018. Die Anträge werden erst nach dieser Frist bearbeitet.

Wenn sich die nachziehenden Familienmitglieder bereits in einem Dublin-III-Mitgliedstaat befinden (EU sowie Norwegen, Island, Schweiz und Lichtenstein) und über ihren Asylantrag noch nicht entschieden wurde, kann ein Antrag auf Zusammenführung nach der Dublin-III-Verordnung gestellt werden. Dazu müssen die Nachziehenden vor Ort einen Antrag auf Asyl stellen und angeben, dass sie einen Angehörigen in Deutschland haben und zu diesem möchten. Die jeweilige Asylbehörde wendet sich dann an das Bundesamt für Migration (BAMF) und leitet die Überstellung ein.

Welche Familienmitglieder dürfen nach Deutschland kommen?

Ludwig: Anerkannte Geflüchtete und subsidiär Schutzberechtigte dürfen im Botschaftsverfahren nur ihre Ehepartner und die minderjährigen, ledigen Kinder nachholen. Dazu müssen Sie die Verwandtschaft, zum Beispiel durch übersetzte und beglaubigte Heirats- und Geburtsurkunden oder durch einen DNA-Test nachweisen. Minderjährige anerkannte Geflüchtete können ihre Eltern nachholen, wenn sich kein sorgeberechtigter Elternteil in Deutschland aufhält. Geschwister dürfen nur einreisen, wenn sie auch minderjährig und ledig sind und mindestens der sorgeberechtigte Elternteil eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland besitzt. Laut einem Gerichtsurteil kann das Visum für Eltern jedoch schon als Aufenthaltserlaubnis angesehen werden, wodurch die Geschwister gleich mit einreisen können.

Die Familienzusammenführung nach der Dublin-III-Verordnung bietet gegenüber dem Botschaftsverfahren den Vorteil, dass der Familienbegriff weiter gefasst ist und die Zusammenführung schon vor dem Abschluss des Asylverfahrens durchgeführt werden kann.

Wo finden die Geflüchteten Unterstützung, wenn es um das Thema Familienzusammenführung geht?

Ludwig: Bei der Beantragung des Visums kann die Internationale Organisation für Migration (IOM) weiterhelfen. Die IOM betreibt mehrere arabischsprachige Servicecentren in Istanbul, Gaziantep und Beirut, der Standort Erbil ist in Planung. Die Mitarbeitenden helfen bei der Kommunikation, überprüfen die Visumanträge, verifizieren Verwandtschaftsverhältnisse durch DNA-Tests, führen die biometrische Registrierung und Antragsannahme durch und bieten Integrationskurse in Arabisch an.  

In Deutschland bieten die Diakonie und andere Wohlfahrtsverbände kostenlose Beratung an. Hier werden die Geflüchteten über die Rahmenbedingungen der Familienzusammenführung informiert und beraten. Die Beraterinnen und Berater vermitteln dem Schutzsuchenden die rechtlichen Grundlagen, damit sie selbständig handeln können. Auch gibt das Auswärtige Amt Informationen zu dem Thema Familienzusammenführung – auch auf Arabisch. Außerdem kann ein Rechtsanwalt mit der Familienzusammenführung beauftragt werden. Das ist allerdings oft mit hohen Kosten verbunden.

Ansprechpartner

© Hermann Bredehorst

Sebastian Ludwig

Flüchtlingsarbeit und Asylpolitik

030 65211-1638

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