Nachgefragt: "Das Wohnzimmer wird zur Tobewiese"

2. April 2020
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  • Familie und Kinder

In der Coronakrise suchen viele Menschen Unterstützung in den Beratungsstellen der Diakonie. Die Beratung findet nun telefonisch oder online statt. Das klappt sehr gut, berichtet Katrin Briedis, Beraterin bei der Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen, Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung in Rendsburg.

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Beraterin Katrin Briedis

Welche Themen beschäftigen Ihre Klientinnen und Klienten in der Coronakrise?

Katrin Briedis: Themen, die wir sonst auch haben, wie Paarberatung und Erziehungsberatung, sind immer noch da.

Neu hinzugekommen ist die Frage von getrennt lebenden Eltern: Wie kann der Kontakt zum Kind gestaltet werden? Sollte das Kind jetzt besser bei einem Elternteil bleiben? An dieser Frage entzünden sich heftige Konflikte. Vor allem bei Eltern, die darüber auch vor Corona schon zerstritten waren.

Ein weiteres neues Thema ist Einsamkeit. Vor allem ältere Menschen fühlen sich isoliert. Ihnen fehlt der Kontakt zu Nachbarn und der Familie und auch die körperliche Nähe. Sie sind dankbar dafür, dass sie einfach mal mit uns telefonieren können.

Wie findet in diesen Zeiten Beratung statt?

Briedis: Wir beraten jetzt telefonisch. Ich kann zwar nicht mehr Mimik und Körpersprache beachten, dafür aber die Stimme und die Tonlage. Die Klienten melden zurück, dass ihnen auch die telefonische Beratung weiterhelfe. Das Angebot wird gerne genutzt. Wir sind positiv überrascht, dass es so gut gelingt.

Wir stoßen natürlich an Grenzen, wenn es um die Arbeit mit Familien geht. Wir können ja nur mit einer Person zurzeit sprechen. Aber ich rufe Kinder aus Familien regelmäßig an, die schon vor Corona in Beratung bei uns waren. Ich frage sie, wie es ihnen geht, was sie gerade machen, wie sie Kontakt zu Freunden halten. Dadurch merken sie, dass ich weiter für sie da bin.

Hören Sie auch von positiven Situationen in Familien?

Briedis: Mich überrascht, wie toll viele Familien die Situation meistern, unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Viele Eltern sagen: Unsere Kinder sind als Geschwister gerade so zusammengewachsen. Sie genießen die Zeit mit ihren Kindern, haben keinen Druck, gehen zusammen in den Wald oder arbeiten im Garten, sie spielen und basteln.

Da werden Fenster mit Fingermalfarbe bemalt oder aus Altpapier wird mit Pappmaché etwas gebaut. Das Wohnzimmer wird zur Tobewiese. Die Familien rücken ab von ihren Prinzipien und schauen, was im Moment guttut. Manchmal bekomme ich ein Foto auf mein Diensthandy von Familien, das zeigt, wie kreativ sie sind. Das sind Familien, die ja wegen eines Problems zu uns gekommen waren. Da entspannt sich gerade etwas.

Interview: Diakonie/Justine Schuchardt