Nach der Haft: "Der Makel der Haft bleibt"

13. Dezember 2012
  • Journal
  • Engagement und Hilfe

Wer aus dem Gefängnis kommt, muss meist ganz von vorn anfangen. Ein Interview mit der Stadtmission Zwickau über die Schwierigkeiten, "draußen" wieder Fuß zu fassen.

Schlimmer als die Haft selber sei das Leben nach der Haft, heißt es. Stimmt das?

Inge Weigelt: Ja, der Makel der Haft bleibt. Bei bestimmten Delikten ist es besonders schwierig, wieder Fuß zu fassen. Oft sind die Haftentlassenen ohne jede Orientierung.

Katrin Meisel: Viele Häftlinge haben nach der Haft mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Wird bekannt, dass sie eine Straftat begangen haben, sehen sie sich immer wieder mit Vorurteilen, Misstrauen und auch Ablehnung konfrontiert. Oft sind soziale Kontakte abgebrochen, die Familie hat sich abgewandt - die Haftentlassenen stehen so gut wie allein da. Allerdings gibt es auch Straffällige, die auf familiären Rückhalt zurückgreifen können. Und nicht immer werden sie in Ämtern oder Behörden argwöhnisch betrachtet oder ungerecht behandelt. Es gibt auch positive Ausnahmen, bei denen Toleranz und Akzeptanz spürbar sind.

Wie ist das Leben in Freiheit für ehemalige Häftlinge?

Meisel: Es ist Befreiung und oftmals Überforderung zugleich. Auf der einen Seite können die Haftentlassenen ihr Leben wieder selbstständig und autonom gestalten. Auf der anderen Seite müssen sie sich erst einmal wieder an die Lebensbedingungen in Freiheit gewöhnen. Es stürzen eine Menge Anforderungen und Aufgaben auf sie herein. Zu erfüllen sind oft Bewährungsauflagen, wie der Nachweis eines festen Wohnsitzes, die Aufnahme einer Therapie oder die Ableistung von Arbeitsstunden. Oder sie stehen unter Führungsaufsicht und müssen sich regelmäßig bei ihrem Bewährungshelfer melden. Nebenbei gilt es, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, eine Wohnung zu suchen und vorübergehende Schlafmöglichkeiten zu organisieren.

Weigelt: Die Haftentlassenen finden sich zunächst schlecht zurecht, auch weil ihnen in der Haft alle Entscheidungen abgenommen wurden. In Freiheit muss der Entlassene wieder lernen, für sich selbst zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen.

Mit was für Problemen schlagen sich die Menschen nach der Haft herum?

Weigelt: Haftentlassene müssen sich eine Tagesstruktur schaffen und sind dem Leistungsdruck auf dem Arbeitsmarkt oft nicht gewachsen. Sie fühlen sich als Versager. Hinzu kommt, dass der familiäre Rückhalt fehlt und eine Scheidung oder Trennung vom Partner ansteht oder bereits vollzogen ist. In solchen Fällen haben sie kaum Kontakt zu ihren Kindern, weil dies seitens des Partners nicht gewünscht ist.

Meisel: Auch treten häufig Probleme bei der Antragstellung von Arbeitslosengeld II auf. Die Bescheidung der Anträge dauert meist so lang, dass die Haftentlassenen zunächst ohne finanzielle Mittel auskommen müssen. Vorschüsse werden nur selten gewährt. Zudem versagt das Jobcenter oft Leistungsansprüche wie Bekleidung oder Erstausstattung der Wohnung, obwohl die Rechtslage eindeutig ist. Diese Rechtsansprüche sind nur schwer für die Haftentlassenen durchsetzbar. Solche Verwaltungsverfahren dauern teilweise bis zu drei Monate. Haftentlassene werden durch diese Prozedere auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Die Wiedereingliederung kann auch dadurch gefährdet werden. Wer keinen langen Atem und keine Unterstützung hat, fällt oftmals in alte Verhaltensmuster zurück - bis hin zu erneuter Straffälligkeit.

Wie werden Ihre Hilfsangebote angenommen?

Weigelt: Zwischen drinnen und draußen besteht schon ein Unterschied: In den JVAs ist das Interesse meist groß. Es werden oft direkte Absprachen für die Zeit nach der Haft getroffen. Draußen können jedoch viele Faktoren das eigene Wollen beeinflussen.

Meisel: Manchen fällt es schwer, Kontakt zu uns zu halten und Termine wahrzunehmen. Alte Verhaltensmuster hindern sie dann oft daran, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gründe dafür sind etwa das Zurückkehren in die alte Clique, erneute Delinquenz oder der Rückfall in die Drogenabhängigkeit wie Alkohol oder auch illegale Drogen. Manchmal entsteht für die Haftentlassenen auch eine Überforderung, die zu einem Rückzug, auch von der Hilfe, führt.

Was raten Sie ehemaligen Häftlingen? Was Straffälligen, die noch in Haft sind?

Meisel: Wichtig ist, dass die Betroffenen nicht den Kopf in den Sand stecken. In der Haft sollten sie auf den Sozialen Dienst der Justiz zugehen und um Hilfe bei der Bearbeitung ihrer Anliegen bitten, etwa bei der Auflösung der Wohnung und des Mietverhältnisses oder bei nur sechsmonatiger Haftstrafe bei der Beantragung der Mietübernahme, um die Wohnung zu erhalten. In jedem Fall sollten sie sich um die Regelung ihrer Angelegenheiten bemühen, da alles was während der Haft nicht geregelt wurde, sich in den meisten Fällen negativ bei der Haftentlassung auswirkt. Nach der Entlassung sollten sie die notwendigen bürokratischen Wege zeitnah erledigen, auch mit unserer Unterstützung. Und mithilfe eines Wochenplans, in dem ersichtlich wird, welche Wege, in welcher Reihenfolge zu erledigen sind. Wichtig ist, dass sie sich Ziele setzen, die sie auch erreichen können.

Wie können Angehörige und Freunde weiterhelfen?

Meisel: Sie sollten Kontakt halten und während der Haft Besuche abstatten. Wichtig ist, dass die Inhaftierten mit Nachrichten und Neuigkeiten aus der Familie versorgt werden, um den Bezug zur Welt draußen nicht zu verlieren. Gut ist, wenn die Angehörigen und Freunde nach der Haft als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und bei alltäglichen Fragen helfen. Sie sollten dem Haftentlassen auch emotional zur Seite stehen. Häufig tritt eine Überforderungssituation ein. In dieser Situation ist es gut, wenn die Haftentlassenen nicht nur sozialarbeiterischen Rückhalt haben.