Markthalle und Demenz-WG

18. Mai 2016
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  • Gesundheit und Pflege
  • Pflegeversicherung

Das klassische Pflegeheim ist von gestern. Karin Stiebler von der Evangelischen Heimstiftung in Baden Württemberg erklärt, wie man heute plant und baut.

Eine Frau im Portrait
© Diakonie/Markus Heffner

Karin Stiebler, ist bei der Evangelischen Heimstiftung Regionaldirektorin in der Region Rems­-Neckar-Alb

Zu Hause ist es doch am schönsten für alte Menschen, oder?

Karin Stiebler: Sicher wünschen sich die meisten Men­schen auch im Alter ein selbstbestimm­tes Leben in den eigenen vier Wänden. Dafür sollte man rechtzeitig Vorsorge treffen und die Wohnung so barrierefrei wie möglich einrichten. Außerdem kann man heutzutage eine ganze Reihe an technischen Assistenzsystemen nutzen, die zum Beispiel erkennen, ob der Herd ausgeschaltet oder der Wasserhahn ab­gedreht ist. Trotzdem ist es nicht für alle möglich, zu Hause zu bleiben. Wir entwi­ckeln deshalb Wohn- und Betreuungs­formen, in denen sich die Menschen wie zu Hause fühlen.

Wie unterscheiden sich diese Angebote von herkömmlichen Modellen?

Stiebler: Ganz neu ist unser Konzept "Eohnen-PLUS", das wir in diesem Jahr in Hoch­dorf realisieren. In einem Gebäudekom­plex werden pflegebedürftige Menschen in eigenen Wohnungen leben und indi­viduell zusammenstellen, welche Leis­tungen sie in Anspruch nehmen: von der Tagespflege über ambulante Dienst­leistungen bis zu allen möglichen haus­wirtschaftlichen Angeboten. Wer nicht mehr selber kochen kann oder will, kann im Begegnungsraum essen. Man kann sich beim Anziehen, Zähneputzen und Waschen helfen lassen oder es selber ma­chen. Auch die Angehörigen können sich einbringen und etwa beim Putzen, Ko­chen oder Sonstigem helfen. Durch die­ses Baukastensystem wollen wir eine hohe Versorgungssicherheit bei größt­möglicher Selbstbestimmung erreichen.

Vemutlich bei nicht geringen Kosten?

Stiebler: Das kann man so pauschal nicht sagen, gerade wegen des individuellen An­satzes. Anders als in einem Pflegeheim gibt es bei diesem Angebot keinen fixen Pauschalbetrag.

Ist solch ein Modell schon irgendwo anders umgesetzt worden?

Stiebler: Wir werden in diesem Wohnstift in Hochdorf eine Vielzahl von einzelnen Ideen realisieren, die teilweise schon an anderer Stelle realisiert wurden. Mit die­ser Kombination und Vielfalt betreten wir aber Neuland. Aber wer sich nicht auf den Weg macht, kommt nie an.

Was sind das noch für Ideen?

Stiebler: Da gibt es einiges. Zur Unterstützung un­serer Dienstleistungen wird in dem Haus jede Menge Technik zum Einsatz kom­men, ein Sensorensystem beispielswei­se, das Alarm schlägt, wenn sich ein Bewohner in einem vorgegebenen Zeit­raum nicht bewegt. Natürlich muss er damit einverstanden sein. Im oberen Stockwerk wird es eine ambulant betreute Wohngemeinschaft mit zwölf Zimmern und einer Rund-um-die-Uhr-Präsenz durch Alltagsbegleiter geben. Die Zielgruppe in diesem Fall sind Menschen mit Demenz.

Im Erdgeschoss haben wir einen großen Veranstaltungs­bereich eingeplant, der von der Breit­wiesenschule gegenüber auch als Mensa genutzt wird. Und die Gemeinde Hoch­dorf baut im vorderen Teil des Kom­plexes noch eine kleine Markthalle. Un­sere Bewohner wohnen also mitten im lebendigen Geschehen. Ich bin sicher, dass dies ein Vorzeigeprojekt für die Zu­kunft werden wird. Ein anderes Vorzeigeprojekt, an dem gerade gebaut wird, ist der Palmsche Garten in Deizisau.

Was wird das sein?

Stiebler: Der Palmsche Garten ist als Pflegeheim konzipiert, in dem es 50 Einzelzimmer in größeren Hausgemeinschaften und sechs barrierefreie Wohnungen mit Komplettausstattung gibt. Zu den Beson­derheiten gehört vor allem ein Hospiz­zimmer, das im Notfall zur Verfügung steht, wenn etwa schwer kranke oder sterbende Menschen ihre letzten Tage nicht mehr zu Hause verbringen kön­nen. Auch dieses Haus bauen wir bewusst ganz zentral in der Ortsmitte, nebenan ist ein Kindergarten, gegenüber das Rathaus. Lebendiger geht es nicht.

Was muss noch besser werden in der Zukunft, auch mit Blick auf die demografische Entwicklung?

Stiebler: Die Landesregierung hat mit dem neuen Wohn-, Teilhabe-und Pflegegesetz, das seit Mai 2014 gilt, einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht, weil es eine Vielfalt von unterstützenden Wohn­formen ermöglicht. Dadurch sind Ange­bote wie "WohnenPLUS" erst realisierbar geworden, weitere innovative Konzepte werden folgen.

Damit ist es aber nicht getan. Wir müssen ein Klima in Baden-Wür ttem­berg schaffen, das den Bau und den Betrieb von bedarfsgerechten und am Gemeinwesen orientierten Pflegeeinrichtungen attraktiv macht. Dazu muss sich die Gesellschaft stärker mit dem Thema Pflege auseinandersetzen. Und wir brauchen eine Pflegeversicherung, die so ausgestattet ist, dass sie für jeden Bewohner den Aufwand vollständig übernehmen kann. Erst dann haben wir eine gerechte Leistungsverteilung.

Interview: Diakonie/Markus Heffner

Weitere Informationen

In der Ortsmitte von Deizisau/Ba­den-Württemberg wird derzeit das Quartiershaus Palmscher Garten gebaut – mit sechs barrierefreien Zweizimmerwohnungen und 50 Ein­zelzimmern in vier Hausgemein­schaften. In das Gebäude sollen auch ein Kindergarten und ein Café einziehen. Zudem ist ein Hospiz-Palliativzimmer vorgesehen. Die ersten Bewohner sollen 2016 ein­ziehen können. In Hochdorf hat sich der Gemeinde­rat für das Betreuungskonzept "WohnenPLUS" und gegen ein klassisches stationäres Pflegeheim entschieden, das auch zur Wahl stand. In dem Gebäudekomplex wird es 42 barrierefreie betreute Zweizimmerwohnungen geben, eine Zwölfpersonenwohngemeinschaft, eine Tagespflege für 15 Menschen sowie einen ambulanten Dienst. Der Bezug ist für Sommer 2018 vorge­sehen. Träger ist in beiden Fällen die Evan­gelische Heimstiftung.